Archiv des Autors: Kosmonaut

Erntefreuden

Lange hatten wir keine Zeit, mal wieder was in unser Tagebuch zu kritzeln. Es war gut was los – der Sommer war voller Aktiväten. Wir hatten Besuch aus Rostock, Berlin, Stuttgart, Guben und Frankfurt. Wir waren in Lapeenranta auf einer Konferenz und haben was über Geoengineering erzählt, oder viel mehr darüber, warum man tunlichst die Finger von lassen sollte. Dann waren wir in Estland bei Marit und Marco, haben endlich den Suuuur Munamägi – den großen Eierberg erklommen, den höchsten Berg im Baltikum von 318 m (plus ein bisschen, wenn man dazu noch die Treppen vom Aussichtsturm erklimmt). Wir waren in Seen baden, haben den Seto beim Singen gelauscht, neue Brettspiele kennengelernt und einen Geburtstag gefeiert. In Luxemburg waren wir auch fix zwischendrin mit Zwischenstopp in Magdeburg bei Gabi und Willi (spannende Landmesse, Wigard-Boning-Langeweile, quasseln), Jenny und Martin (mit Mutti und Auto und viel zu wenig Zeit). Achja, und die Solvorn-Nipa haben wir erstiegen – ein herrlicher Ausblick mit Regenbogen über Solvorn war der Lohn.

Mit unseren Besuchern sind wir mehr (wegen bestem Wetter) oder weniger (wegen ungeplanter Blessuren) oft in den Bergen unterwegs gewesen. Der Gletscher – Flatbreen – war auch darunter. Bei Gelegenheit mehr. Am letzten Wochenende war Ernteeinsatz. Eli und Christian baten uns ihre Johannisbeeren (Ende September reif!), ihre Pflaumen und Sauerkirschen zum Plündern an. Das konnten wir plus Jan uns natürlich nicht entgehen lassen und rückten im Fußmarsch an (16 km von Sogndal bis Amla quer durch den Wald). Wir brauchten weitere Abende, um alles zu Saft, Marmelade, Gelee und Sirup zu verarbeiten. Die freitägige Waffelbackrunde konnten wir so auch bereichern. Morgen geht es zum Eintreiben der Schafe von den Bergen, immerhin zieht der Herbst nun ein. Heute windete es stark, das kommt hier nun wirklich selten vor. Wir werden berichten. Hoffentlich nicht erst wieder ein halbes Jahr später. Außerdem stehen jetzt ganz dringend ein paar Briefe an, die geschrieben werden wollen – 2x Potsdam, Berlin (Trolle!), Eberswalde und Aquastation Sogndal.

Erntehelfer (in der Mitte Großgrundbesitzer)

Erntehelfer (in der Mitte Großgrundbesitzer)

Kein Mundraub mehr!

Kein Mundraub mehr!

In Amla geht der Tag zu Ende

In Amla geht der Tag zu Ende

Sonntage sind zum Arbeiten da!

Sonntage sind zum Arbeiten da!

Herbst auf dem Fjell

Herbst auf dem Fjell

Regenbogen bei Solvorn

Regenbogen bei Solvorn

Auf du und du mit den Nachbarn

Fast hinfällig ist die Redensart „Auf Du und Du“, wenn das „Sie“ weiter so zerbröselt. Aber auf „Du und Du“ sind wir hier mit ner ganzen Menge an Tieren, denn sie sind unsere nächsten Nachbarn. Auf fünf Norweger kommt etwa ein Haustier: norwegisches Rotvieh, Schafe, Ziegen und Hühner vor allem. Da außerdem wegen der Berge und des Wassers nur 5% der Fläche landwirtschaftlich genutzt wird, sind Haustiere omnipräsent. Lektion Nr. 1 für uns ist, dass es nicht Leithammel, sondern Läuthammel heißen muss. Aber auch hier zeigt sich Norwegen sehr demokratisch und verpasst fast allen Tieren ein Glöckchen. So bimmelt es zart, wenn sie sich durch das Heideland fressen oder über Steine springen. Im Fjord waren die Schafe noch nicht schwimmen, der ist mit 5-10 Grad auch noch etwas zu kalt. Auch die Sommerweide ist noch nicht dran, denn sie liegt nach einem sehr, sehr schneereichen Winter noch tief verschneit.

Der Norweger sagt ebenfalls „dumm wie ein Schaf“, allerdings zeigt etwas stöbern im Netz, dass Schafe wohl erst seit 1800 dumm-gezüchtet werden. Die neuen Sorten haben alle weniger Hirnkapazität und weniger ausgeprägte Überlebensinstinkte. Wenn man so will, ist das auch wieder ausgleichende Gerechtigkeit für die paar Wölfe, Rotluchse und Steinadler, die jährlich ein paar hundert Schafe in Norwegen reißen. Aber die alten Sorten, auch „wilde Schafe“ genannt, sind wieder en-vogue. Das hat auch damit zu tun, dass nur sie zwei klar unterscheidbare Wollen aufweisen. Die im innern – weich und warm – ist perfekt für kuschlige Wäsche und die außen, da robust und wasserabweisend, wurde zum Beispiel für wikingische Schiffssegel verwendet. Immerhin ist Norwegen seit der Steinzeit besiedelt, wovon zum Beispiel landwirtschaftliche Steinzeichnungen zeugen.

Die Landwirtschaft von Norwegen gehört zu einer der weltweit am stärksten subventionierten, neben Japan, Island und der Schweiz. Dies war und ist auch einer der Gründe, warum Norwegen nicht EU Mitglied werden will. 60% beträgt die Subventionsrate, sie geht vor allem in den Erhalt der Kulturlandschaft. Die Tiere werden sozusagen als Mähdrescher und Landschaftspfleger eingesetzt. Norwegen will sich möglichst weitgehend selbst versorgen können. Daher gibt es auch seit jahrzehnten ein sogenanntes „Gleichstellungsgesetz“. Es garantiert, dass das Einkommen aus der Landwirtschaft mit dem anderer Berufsgruppen vergleichbar ist, vor allem kleine Betriebe profitieren. Unter unseren Kollegen in der Uni sind daher sehr viele auch Teilzeitbauern, oder Teilzeitforscher – wie man es eben sehen will. Leider entspricht das erschwingliche Käseangebot der gefühlten Menge an Tieren nicht. Da schauen wir in einem späteren Beitrag noch einmal genauer drauf.

Bitte recht freundlich!

Bitte recht freundlich! Bitte recht freundlich!

Bitte recht freundlich!

Bitte recht freundlich! Bitte recht freundlich!

Bitte recht freundlich!

Bitte recht freundlich! Bitte recht freundlich!

Es gibt wichtigeres als nett in die Kamera zu lächeln.

Es gibt wichtigeres als nett in die Kamera zu lächeln.

Vegetarische Gaumenfreuden: Waldsauerklee mit Zitronenaroma (Oxalsäure)

Vegetarische Gaumenfreuden: Waldsauerklee mit Zitronenaroma (Oxalsäure) Vegetarische Gaumenfreuden: Waldsauerklee mit Zitronenaroma (Oxalsäure)

Wanderweg zum Schreibtisch

Zwei Wochen sind vorbei. Zeit für eine kleine Bilanz über das Arbeiten in Norwegen. Laut Arbeitsvertrag wird empfohlen zwischen Oktober und März von 8 Uhr bis 15.45 Uhr zu arbeiten, im Sommerhalbjahr soll man dafür schon um 15 Uhr die Arbeit Arbeit sein lassen. Anwesenheit im Institut ist zur Kernarbeitszeit zwischen 9 und 14 Uhr vorgeschlagen. Das ist symphatisch. Noch symphatischer ist, dass allgemein darauf vertraut wird, dass jeder sich am besten selbst zu organisieren weiß. Das läßt viel Freiraum, um den Alltag passend zu organisieren.

Erstes Teilstück des Weges zum Schreibtisch

Erstes Teilstück des Weges zum Schreibtisch

Wie auf allen unseren Stationen bisher wollen wir möglichst auf Auto & Co verzichten. Da wir auch noch keine Fahrräder haben, schnüren wir täglich die Wanderschuhe. Der Weg führt zunächst still am Fjord entlang. Dann queren wir eine Brücke, die zwar ein architektonisches Museumsstück von 1958 ist, aber deren Erbauer Fußgänger nicht mitgedacht haben. Also schlängeln wir uns auf der schwankenden Brücke an Autos und LkW vorbei. Im nächsten Jahr soll sie wohl abgerissen und ersetzt werden. Außerdem gibt es Pläne, Sogndal zu untertunneln, um den Überlandverkehr aus der Stadt rauszuhaben. Sogndal war übrigens bis vor ein paar Jahrzehnten nur über den Seeweg zu erreichen. Erst 1986 ist die Fernstraße Nr. 5 eröffnet worden. Sie verbindet die Fjordspitze mit der Küste im Nordwesten.

Die schöne Brücke wird weichen

Die schöne Brücke wird weichen

Von der Brücke aus geht es etwa zehn Minuten durch das kleine Stadtzentrum mit Kino, Kulturhaus, Bibliothek, Einkaufszentrum und ein paar Geschäften. Darunter ein sehr schöner Musikladen und ein Bäcker, der auf das Motto „Brot & Rosen“ setzt. Die Bäckerei bäckt um die Ecke im nächsten Tal und bietet eine große Auswahl. Mit der Verkäuferin kann man nett plauschen und mit der Zeit werden wir uns durch alle Spezialitäten durchfuttern. Kanelsnurr (Zimtschnur oder -schnecke) sowie Bergbrot mit Nüssen und Äpfeln waren schonmal sehr lecker. Heute testen wir das lokale Möhrenbrot.

Bäckerei in Sogndal

Bäckerei in Sogndal

Am Busbahnhof namens „Ski-Station“ verlassen wir die Straße und biegen ab in Richtung Hochschule. Es geht am Fluß Sogndalselvi lang, dessen Wasser wild rauscht, dicke Felsbrocken umströmt und hier und da als Wasserfall hinabstürzt. Eine alte Mühle gibt es auch noch, aber sie ist nicht mehr am Laufen. Da kommen einem glatt Projektideen …

Kleiner Wasserfall bei der Hochschule

Kleiner Wasserfall bei der Hochschule

Die Hochschule besteht aus modernen Gebäuden im nordisch-kühlen Schick. Dazu mehr in weiteren Berichten. Heute gibt es noch einen Blick auf den Arbeitsplatz und einen aus dem Fenster. Die schöne Orchidee ist übrigens ein Willkommensgruß zum Arbeitsbeginn. Das öffnet das Herz. Ebenso aufmerksam ist, dass viele vorbeischauen und einen freundlich begrüßen. Auffallend ist ohnehin, dass die Leute auf der Straße, in den Läden oder auch die Kollegen sehr viel lächeln und das Gefühl vermitteln, dass Zeit etwas ist, das ohne zutun einfach da ist, und das wie frische Luft durch Gebrauch nicht vermindert wird. Das lernen wir gern von den Norwegern.

Arbeitsplatz

Arbeitsplatz

Fürs Protokoll: Der Weg zur Arbeit beträgt 3km. Das wird sich ändern, wenn wir aus unserer zeitweiligen Bleibe demnächst umziehen.

Blick aus dem Bürofenster

Blick aus dem Bürofenster

Angekommen in Sogndal

Sogndal ist kein Schreibfehler, auch wenn „Tal der Lieder“ verlockend klingt. Sogn ist eine alte Wurzel des Wortes „suchen“. Die kleine Universitätsstadt mit 3547+2 Einwohnern liegt also im „Tal, wo der Fluss sich seinen Weg sucht“. Nun suchen wir uns dort eine Bleibe, am Sognefjord, der mit 204 km Länge und 1308 m Tiefe die Majestät unter den Fjorden ist. Das ist übrigens tiefer als die Nordsee mit nur 700 m!

Blick auf Sogndal und den Sognefjord

Blick auf Sogndal und den Sognefjord

In der Nacht auf Freitag zu Samstag vor einer Woche starteten wir unsere Anreise mit einem tschechischen Fernbus. Morgens kamen wir in Malmö an und verbrachten die Wartezeit im Bahnhof, denn dieser ist liebevoll für Reisende ausgestattet; mit viel Flair aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, mit Tischen, Stühlen, Teppichen, Wlan, Wärme und anderem, so dass das Warten selbst ausserhalb der Cafe-Öffnungszeiten angenehm war. Mit Zwischenstopp in Göteborg (auch ein schöner Bus- und Zugbahnhof!) kamen wir abends in Oslo an, begleitet von frühlingshaftem Wetter mit sehr guter Fernsicht.

Die Ankunft in Oslo mit Blick auf Hafen und Opernhaus war ein Augenschmaus. Wir entschieden uns daher, nicht den Nachtbus nach Sogndal zu nehmen, sondern am nächsten Morgen über Tag nach Sogndal zu fahren, um nichts von der schönen Landschaft zu verpassen. Eine kluge Entscheidung, die Busfahrer und Sonne mit einem warmen Sonntagslächeln belohnten. Von Oslo folgten wir zunächst der Bergen-Bahn und allmählich kamen wir immer höher und fuhren in den Winter. Der Pass lag auf 1137 m und der Busfahrer stoppte, damit wir kurz die Aussicht genießen konnten.

Reichsweg 52 zwischen Laerdal und Gol

Reichsweg Nr. 52 zwischen Laerdal und Gol

In Laerdal angekommen ging es nach etlichen Tunneln auf die Fähre, um den Sognefjord zu überqueren. Am späten Nachmittag erreichten wir dann die Ski-Station von Songdal, so nennt sich der örtliche Busbahnhof. Der Name ist Programm, denn „leider priorisiert man in Sogndal Ski, Ski, Fußball, Fußball und Ski“ und nicht Kunst & Kultur, wie der Besitzer des fabelhaften Musikladens von Sogndal kürzlich beim Plaudern bedauerte. Andererseits gibt es mehrere Chöre – am Dienstag schaue ich mir einen ersten an -, mindestens zwei Trekkspillclubs (Akkordeon), ein prämiertes Programmkino, ein paar Bühnen und Cafes sowie mindestens einen neuen Kollegen, der türkische Trommeln spielt und schon fragte, ob man nicht eine Weltmusik-Band ins Leben rufen könnte. Wir werden dieses Thema sicherlich nicht aus Augen und Ohren verlieren …

Immerhin hat die Stadt einen berühmten Wegelagerer und Barden, einen norwegischen Jamie MacPherson (alle Fans von Wacholder werden das Lied über seine feige Hinrichtung kennen. Die zerbrochene Geige hatten wir ja seinerzeit in Schottland im Museum gefunden). Der Name des rebellischen Poeten von Sogndal war Gjest Baardsen (1791-1849). Wer mal in ein Lied reinhören möchte, hier gibt’s die zünftige Volksmusikvariante.

In Sogndal gibt es also nicht nur sportliche Betätigungsfelder, sondern wir werden auch eine Menge an geschichtlichen und kulturellen Schätzen bergen können. Auch der sehr liebevoll gestaltete Gullideckel spornt unser Entdeckungsfieber an. Wir werden berichten, was die einzelnen Symbole für eine Bewandnis haben. In der Mitte prangt schonmal das Stadtwappen von Sogndal. Es stellt den Bug eines goldenen Wikingerschiffes auf blauem Grund dar.

Das Wetter blieb in den ersten Tagen sehr schön und frühlingshaft. Die Temperaturen lagen zwischen 5-10 Grad im Schatten, es gab kaum Wind und die Sonne hatte gut Kraft. Sie geht nun um den Frühlingsanfang herum gegen 6.30 Uhr auf und um 18.30 Uhr unter. Auffallend ist die deutlich längere Phase der Dämmerung im Vergleich zu Brandenburg. Vom Polarkreis sind wir übrigens noch ein gutes Stück entfernt, wie man auch auf der Karte sehen kann. Sogndal liegt etwa 1000 km südlicher. Heute morgen am Sonntag staunten wir nicht schlecht, als plötzlich alles weiß war. Winter und Frühling haben ihren Kampf noch nicht ausgefochten.

Untergekommen sind wir für die erste Zeit in einem schönen Haus am Fjord. Wer mal schauen will, kann das per Street View tun. Hier ist der Link: Ein Häuschen am Fjord

Packen für Norwegen

… doch eigentlich wär‘ ich grad lieber hier. Morgen geht es los. Mit dem tschechischen Nachtbus von Berlin nach Oslo über Rostock, Gedser, Kopenhagen und Göteborg. Von Oslo dann wieder per Bus oder Zug – mal schaun, was wir bekommen, Richtung Sogndal. Dort wird nun unsere neue Heimat, am längsten Fjord von Norwegen, der oberhalb von Bergen beginnt. Wir werden berichten.

Achja, die Zamami-Insel

Achja, die Zamami-Insel

Okinawa – Japans kaum bekannter tropischer Schatz

So titelt Euronews und sendet einen Filmbeitrag über Japan auf der ITB. Das bemerkenswerte ist, dass der Präfektur Okinawa dabei der Löwenanteil an Zeit eingeräumt wird, denn das subtropische Inselparadies mit seinen Kultur- und Naturschätzen wird gern nur am Rande erwähnt. Das betrifft auch die aktuellen Auseinandersetzungen um den Neubau einer weiteren US-amerikanischen Militärbasis genau dort, wo der Yanbaru-Dschungel sich erstreckt und dort, wo die seltene Dugong-Seekuh gemächlich im Meer schwimmt.

Der friedliche Protest am 1. März endete mit Verhaftungen unter mysteriösen Umständen. Hier ein Artikel in der Japantimes und ein übersetztes Zitat daraus: „Kandidaten, die sich gegen den Henoko-Plan ausgesprochen haben, haben in den drei vergangenen Wahlen gewonnen – die Wahl des Bürgermeisters von Nago im Januar letzten Jahres, die Gouverneurs-Wahl im November und die Wahl des Repräsentanten im Unterhaus im Dezember.“ Es ist ein politisches Trauerspiel.

Von rechts nach links: Kazuya, Yoko, August, Akino, Jana

Von rechts nach links: Kazuya, Yoko, August, Akino, Jana

Gestern nun ging die Internationale Tourismusbörse in Berlin zu Ende. Wir haben die Tourismusbehörde von Okinawa unterstützt, die dieses Mal einen eigenen Stand hatte. Die Arbeit hat uns sehr viel Vergnügen bereitet – wir haben von Okinawa geschwärmt, geschwatzt, gesungen und Sanshin geübt. Die GEMA kam natürlich kontrollieren – doch Volksliedschätze, so flott sie auch sein mögen, fallen zum Glück nicht unter die Abgabepflicht. Zum Schmunzeln brachte uns zu beobachten, wie man auf Okinawa Business macht – ganz in bunt-gelassener Manier wie sich auch die Inseln geben. Auf dem Foto sieht man unseren Chef Kazu-san in freundlich-gemacher Aktion.

Ein Renner war sicherlich das kleine Flakon mit Sternensand von Okinawas Stränden. Genauer gesagt handelt es sich dabei nicht um Silizium-Verbindungen, sondern um sternenförmige Gebilde, die auf Kalziumcarbonat basieren. Der Sternensand besteht nämlich aus Millionen Jahre alten Einzellern, sogenannten Foraminiferen oder Kammerlingen. Diese Fossilien werden in beständiger Regelmäßigkeit an den Strand gespült und zeigen selbst nach so langer Zeit ihre grazile Sternenform. Mit ihrer Hilfe kann man gut das Alter von Gesteinsschichten bestimmen, weshalb sie zu den Leitfossilien gezählt werden. Der Wikipedia-Eintrag dazu ist sehr illustrativ, wir lernen nie aus!

Sternensand: Eine gute Geschichte bannt noch jeden.

Sternensand: Eine gute Geschichte bannt noch jeden.

Goldene Diamanten

Im Süden von Kansai liegt die Region Wakayama. Die bergige Gegend ist eines der drei wichtigsten Anbaugebiete von Mandarinen in Japan. Wakayama profitiert von der Meeresströmung Kuroshio, die warmes Wasser von den Philippinen an Japans Ostküste bringt. Mildes Wetter, steiniger Boden und Hanglage sind perfekte Voraussetzungen, um Mandarinen anzubauen. Wer denkt da nicht sofort an Weingärten? Der Mandarinenzüchter jedenfalls spricht von den „drei Sonnen“, die für den Anbau benötigt werden: die Sonne am Himmel, die Sonne, die vom Wasser reflektiert wird und die Sonne, die die Steinmauern in den Mandarinenhainen erwärmt. Die Vielfalt an Zitrusfrüchten in Japan ist groß, von den 900 weltweiten Sorten gibt es in Japan um die einhundert. Satsuma, Tankan, Juzu und Shikuwasa sind allesamt sehr aromatisch und in der japanischen Küche nicht wegzudenken.

Mandarinen spielen auch in den Saigoku-Tempeln eine große Rolle. So sind sie eine typische Opfergabe für den Altar. Die Tempellegende des Kimii-dera in der Stadt Wakayama (Tempel Nr. 2 des Saigoku-Pilgerwegs) erzählt außerdem die Erfolgsgeschichte des Herrn Bunzaemon Kinokuniya, dem es mit einer riskanten Spekulation in einer stürmischen Winternacht gelang, die „goldenen Diamanten“ in zig klimpernde Taler umzuwandeln. Der Geschäftsmann machte ein Vermögen und wurde zu einem der reichsten Kaufleute Japans.

Orangen im Tempel

Orangen im Tempel

Licht in dunklen Zeiten

Zur Jahrtausendwende, um die 950er Jahre, wütete in Japan die Pest, Erdbeben suchten das Land heim. Man kam nicht mehr hinterher, die Toten zu bestatten. In Kyoto kamen sie schlicht auf die andere Seite des Kamo-Flusses, wo sie verwesten. Auch Kyoto hatte damals seinen Augustin. Der Mönch Kuya kaufte viele Leichname, um diese würdevoll zu bestatten. Singend, trommelnd und tanzend zog er über Dörfer und Märkte. Er sang “Namu Amida Butsu” – “Ich vertraue auf Buddha” -, tanzte mit Kindern im Kreis und richtete sich an das einfache Volk. Er sprach von einer Religion, die sich nicht nur auf die wohlhabende Elite beschränken sollte.

Die Traditon des Nembutsu-Singens hat sich bis heute erhalten und überstand Zeiten, in denen diese Art Tänze und Gesänge verboten waren. Man war gezwungen, auf geheime Formeln auszuweichen: „Moda nan maito“ singen die Mönche des Rokkuharamitsu-Tempels in Kyoto noch heute. Vom 13. Dezember bis zum 31. Dezember kann man sich wieder das Nembutsu-Tanzen ab 16 Uhr im Tempel anschauen – oder gleich mitmachen. Die Statue vom Mönch Kuya, die im Schatzhaus des Tempels steht, ist übrigens ein ungewöhnliches Meisterwerk: sechs kleine Buddha tanzen dem ‚Verrückten der Märkte‘, wie der Mönch Kuya auch betitelt wurde, aus dem Mund.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger

Lange haben wir nichts von uns hören lassen, denn wir haben uns hinter Bücherstapeln vergraben, tausende unserer Fotos gesichtet und ausgewählt, Texte geschrieben – kurz: unser Buch „Saigoku – Unterwegs in Japan’s westlichen Landen“ ist nun auch als deutsches und englisches Ebook erhältlich. Außerdem wird im Frühjahr ein neues Buch rauskommen „Okinawa – Unterwegs in Japan’s südlichen Landen“. Saigoku läßt uns aber auch nicht los und so haben wir weitere Dinge zum Thema „Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger“ recherchiert:

In den 33 Tempeln des Saigoku-­Pilgerwegs wird Kannon verehrt, eine buddhistische Göttin, die in Berlins Goldenen Zwanzigern übrigens zum Allgemeinwissen gehörte. Als aber ein Wiener Journalist auf einer Pressekonferenz die „Kwannon von Okadera“ mit den „Kanonen von Okadera“ verwechselte, empörte sich sein Berliner Kollege. So etwas sei in Berlin undenkbar, denn

„… ein Berliner weiss, was ‚Die Kwannon‘ ist. Ganz bestimmt weiss er es. Denn entweder hat er die Fortsetzungen dieses Romans von Luwig Wolff in der ‚Berliner Illustrirten‘ gelesen ­ oder die zehntausend mystischen Plakate an allen Strassenecken, in allen Untergrundbahnstationen, bei jedem Kiosk bis hinein in die verborgensten Winkel des dunklen Berlin haben so lange auf ihn eingehauen ­ bis er eines Tages doch nach dem Lexikon […] gegriffen hat …“

Aus: Bernard Schüler, Der Ullstein­Verlag und der Stummfilm

Noch mehr dazu gibt es in unserem Feature in der November­-Ausgabe der OAG­-Notizen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. Die Kannon vom Oka-dera als Multimedia-Star im Berlin der Goldenen Zwanziger. Eine Detektivgeschichte

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon. Quelle: Revue des Monats, Bd. 4, 1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert von Soichi Sunami

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon.
Quelle: Revue des Monats, Bd. 4,
1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert
von Soichi Sunami