Archiv der Kategorie: Kioto

Licht in dunklen Zeiten

Zur Jahrtausendwende, um die 950er Jahre, wütete in Japan die Pest, Erdbeben suchten das Land heim. Man kam nicht mehr hinterher, die Toten zu bestatten. In Kyoto kamen sie schlicht auf die andere Seite des Kamo-Flusses, wo sie verwesten. Auch Kyoto hatte damals seinen Augustin. Der Mönch Kuya kaufte viele Leichname, um diese würdevoll zu bestatten. Singend, trommelnd und tanzend zog er über Dörfer und Märkte. Er sang “Namu Amida Butsu” – “Ich vertraue auf Buddha” -, tanzte mit Kindern im Kreis und richtete sich an das einfache Volk. Er sprach von einer Religion, die sich nicht nur auf die wohlhabende Elite beschränken sollte.

Die Traditon des Nembutsu-Singens hat sich bis heute erhalten und überstand Zeiten, in denen diese Art Tänze und Gesänge verboten waren. Man war gezwungen, auf geheime Formeln auszuweichen: „Moda nan maito“ singen die Mönche des Rokkuharamitsu-Tempels in Kyoto noch heute. Vom 13. Dezember bis zum 31. Dezember kann man sich wieder das Nembutsu-Tanzen ab 16 Uhr im Tempel anschauen – oder gleich mitmachen. Die Statue vom Mönch Kuya, die im Schatzhaus des Tempels steht, ist übrigens ein ungewöhnliches Meisterwerk: sechs kleine Buddha tanzen dem ‚Verrückten der Märkte‘, wie der Mönch Kuya auch betitelt wurde, aus dem Mund.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger

Lange haben wir nichts von uns hören lassen, denn wir haben uns hinter Bücherstapeln vergraben, tausende unserer Fotos gesichtet und ausgewählt, Texte geschrieben – kurz: unser Buch „Saigoku – Unterwegs in Japan’s westlichen Landen“ ist nun auch als deutsches und englisches Ebook erhältlich. Außerdem wird im Frühjahr ein neues Buch rauskommen „Okinawa – Unterwegs in Japan’s südlichen Landen“. Saigoku läßt uns aber auch nicht los und so haben wir weitere Dinge zum Thema „Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger“ recherchiert:

In den 33 Tempeln des Saigoku-­Pilgerwegs wird Kannon verehrt, eine buddhistische Göttin, die in Berlins Goldenen Zwanzigern übrigens zum Allgemeinwissen gehörte. Als aber ein Wiener Journalist auf einer Pressekonferenz die „Kwannon von Okadera“ mit den „Kanonen von Okadera“ verwechselte, empörte sich sein Berliner Kollege. So etwas sei in Berlin undenkbar, denn

„… ein Berliner weiss, was ‚Die Kwannon‘ ist. Ganz bestimmt weiss er es. Denn entweder hat er die Fortsetzungen dieses Romans von Luwig Wolff in der ‚Berliner Illustrirten‘ gelesen ­ oder die zehntausend mystischen Plakate an allen Strassenecken, in allen Untergrundbahnstationen, bei jedem Kiosk bis hinein in die verborgensten Winkel des dunklen Berlin haben so lange auf ihn eingehauen ­ bis er eines Tages doch nach dem Lexikon […] gegriffen hat …“

Aus: Bernard Schüler, Der Ullstein­Verlag und der Stummfilm

Noch mehr dazu gibt es in unserem Feature in der November­-Ausgabe der OAG­-Notizen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. Die Kannon vom Oka-dera als Multimedia-Star im Berlin der Goldenen Zwanziger. Eine Detektivgeschichte

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon. Quelle: Revue des Monats, Bd. 4, 1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert von Soichi Sunami

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon.
Quelle: Revue des Monats, Bd. 4,
1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert
von Soichi Sunami

Fabelhafter Moment

Kyoto schickt wieder seine Zauberbande aus. Etwa 10000 km liegen hinter uns; wir sind in der alten Hauptstadt angekommen und lassen uns ergebenst einfangen. Von diesem schlauen Inari-Fuchs etwa, der die kleine, dunkle Gasse beobachtet im Auftrag der Götter des Reises. Vermutlich residieren sie in dem mächtigen Baum davor. Dieser ist seinerseits möglicherweise ein Nachkomme eines Vorfahren, dessen Wurzelreste in jenem kleinen Schrein liegen, der so hell in die Dunkelheit strahlt.

Der Inari-Fuchs ist ein Fabelwesen, vergleichbar mit Reineke Fuchs. Er kann sich verwandeln und insbesondere besteht die Gefahr, dass hinter einer verführerischen Schönheit sich in Wahrheit die schlaue Märchengestalt verbirgt. Allerdings zieht er durchaus auch mal den kürzeren, zum Beispiel gegen einen Tannuki – ein anderes japanisches Fabelwesen, nämlich die drollige, fast bärengemütliche Variante eines Marderhundes.

Einst nämlich wetteiferten Tannuki und Fuchs miteinander um den Titel des Oberschlaumeiers. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen galt es, einander zu übertölpeln. Als nun am nächsten Morgen der Tannuki in den Wäldern wandert, findet er eine Jizo-Statue. Wie der Brauch es will, opfert er einen Reisball. Das erinnert den Tannuki daran, dass er selbst hungrig ist und so setzt er sich, um seinerseits zu essen. Nach dem Mahl schaut er auf und bemerkt, dass der geopferte Reisball verschwunden ist. Also opfert er der Statue einen weiteren, dreht sich um, dreht sich zurück und erneut ist das Essen verschwunden. Soso, denkt der Tannuki, legt nochmals einen Reisball ab und dreht sich geschwind wieder hin. Er sieht gerade noch, wie der Fuchs den Reisball im Mund verschwinden lässt und sich wieder in die Jizo-Statue zurück verwandelt. Nu pogodi, na warte, sagt der Tannuki, morgen werde ich dir an der Hauptstaße meine Künste beweisen.

Am nächsten Tag nun geht der Fuchs zur Hauptstraße. In der Ferne sieht er den Tross eines Reichsfürsten kommen. Erst kommen die Bannerträger und dann die Herolde, die das Hinknien befehlen, bevor die Sänfte des Fürsten vorbeikommt. Da der Fuchs nun auf dieser Straße noch nie einem Fürsten begegnet war, glaubte er, dass der Tannuki ihm hier nur einen Streich spielen wolle. Er rennt also auf die Sänfte zu und schreit „Tannuki, Tannuki, dass ist ja herrlich.“ Nur leider handelte es sich tatsächlich um einen Fürsten und der Fuchs bezog ordentlich Prügel von den Samurai. So war der Fuchs dem Tannuki auf den Leim gegangen – und die Moral von der Geschicht: informierte Schlauheit noch die beste Täuschung bricht.

Inari-Fuchs schaut in die Dunkelheit

Inari-Fuchs schaut hinaus in die Dunkelheit

Der Mensch ist gut, da gibt es nichts zu lachen

Mit dem Karma ist das ja so eine Sache. Man investiert und hofft, dass irgendwann die Rendite positiv ist. Das heisst, das hofft man nur heimlich, weil sonst gibts Minuspunkte. Tja, und was sollen wir sagen – vergesst das Karma und solche Geschichten, denn die Welt – der Mensch – ist gut. Punkt.
Diese Woche ist eine herrliche Woche, wir haben nach einem recht arbeitsreichen November und halben Dezember wieder Zeit, mal um uns herum zu blicken. Zwar waren August und Hide-san am Sonntag noch allein mit der lustigen Kansai-Wandertruppe 16 km bergauf und -ab unterwegs, (ich mußte nach Tokyo zwei Vorträge halten), aber schon am Montag fand die Jahresendparty (Bonenkai) unserer Physikergruppe statt. Es hat ausgezeichnet geschmeckt und war ein wirklich unterhaltsamer Abend. Damit jeder mal mit jedem spricht, wurden fließend die Sitzplätze gewechselt. Im Anschluß sind wir noch Karaoke-singen gegangen, das heißt ich habe wegen meiner Erkältung eher gekrächzt. Aber wie heisst es doch? Debye sein ist alles. (Für die Nicht-Physiker: Debye ist Nobelpreisträger und der Klang seines Namens sorgt für die insider-Veränderung des olympischen Mottos.)
Mittwoch sind wir nach Kyoto und Donnerstag nach Osaka, um Stollen und Glühwein für Freitag zu besorgen. Wir wollen Nachmittags eine Runde ausgeben und ein paar Bilder vom winterlichen Zittau zeigen. Man schluckt schon bei den Preisen. Eine Flasche Glühwein vom deutschen Weihnachtsmarkt in Osaka kostet 15 Euro. Wir brauchen drei. Der Stollen kostet so um die 10 Euro für 500 g. Aber wir agieren nach dem Motto: Augen zu und durch.
Am Kamo-Fluß in Kyoto fiel uns dann ein älteres Ehepaar auf (siehe Foto), das ein kleines Vögelchen in den Händen hielt. Es hatte sich kompliziert in einen Bindfaden verfangen und konnte sich nicht mehr selbst befreien. Mit unserem schweizer Taschenmesser und abgestimmt japanisch-deutscher Zusammenarbeit operierten wir den Faden weg und das Vögelchen stürzte sich wieder übermütig, vielleicht noch etwas erschrocken, in die Höhe. Das war die Pioniertat vom Mittwoch.
Auf dem Heimweg vom Weihnachtsmarkt haben wir beschlossen beim Inder zu stoppen, wir hatten versprochen nochmal vorbeizukommen. Und das kam so. Auf dem Campus in Suita gibt es neben der Mensa eine kleine Bude, wo Inder Mittags Nan (Fladen) und Curry verkaufen. Ab und an, wenn es in der Mensa zu voll ist, gehen wir dort essen. Irgendwann im Oktober trafen wir dann dort auch den Besitzer des kleinen Restaurants, welches sich in der Nähe des Toyonaka-Campus befindet. Die Welt ist klein und es gibt immer Gelegenheit für einen kleinen Plausch. So auch gestern abend im Restaurant dann. Ein gut gelaunter Malaye, Großvater, stolzer Vater und Fussballspieler, war grad zu Besuch. Und wenn man schonmal da ist, kann man auch gleich helfen – und sich ein bisschen mit den Gästen unterhalten. Das geht, denn “man muß einfach nur ein wenig Englisch lernen und dann kann man heutzutage auf der ganzen Welt Gesprächspartner finden. Ist das nicht herrlich?” Der fröhliche Malaye kommt seit ein paar Jahren regelmäßig für 6 Monate nach Japan – solange gilt das Toursitenvisum – um auf seine Enkel aufzupassen, während seine Tochter an ihrer Doktorarbeit in Rechtswissenschaften schreibt. Habt ihr gehört, wie es grad gewaltig gescheppert hat? Nicht erschrecken, das waren nur ein paar Vorurteile, die wieder einen Sprung bekommen haben. Das Essen war erneut klasse: Kokosnuss-Curry, Dal, Knoblauch-Nan, Mango-Lassie und zum Schluß Gewürztee auf Kosten des Hauses. Und Kambodscha ist noch ein Stück näher gerückt.
Später gab es dann Musik. Sie kam aus einer kitschigen Weihnachtskarte, wo man draufdrücken muß. Eine Weihnachtskarte für Mr. August und Mrs. Jana von den benghalischen Köchen. Und der Moment war tatsächlich so still, wie der Text des Liedes.
Heute gibts die kleine Weihnachtsfeier, morgen gehen wir mit Satoshi, Junko und ihren zwei Kindern nochmal auf den Weihnachtsmarkt, Sonntag hat Hide Geburstag und Montag fangen wir an, “Indianer-Jones und das Grab des Kaisers” zu spielen. Das wird nämlich unser Weihnachtsgeschenk an uns. Frohe Weihnachten Euch allen!

Intermezzo pour Jenny

… mit einem kleinen Ausflug aus dem Alltag, rein in das bunte Gewimmel des Festes der Jahrhunderte, dem Jidai-Matsuri.
Vor eintausendzweihundertzwölf Jahren, nach etlichen irdischen – buddhistische Scharmützel in der Hauptstadt Nara – und überirrdischen – Erdbeben und Ermordung des Architekten in der Interimshauptstadt – Zaunpfahlwinken, fand Kaiser Kammu zu seiner idealen Ebene und gründete die neue Hauptstadt Kyoto. Die bösen, feng-shuistischen Geister des Nordens wurden durch eine Bergkette ferngehalten und um ganz sicher zu gehen, errichtete man noch ein paar Bergtempel; so auch den Tempel Enryaku auf dem Berg Hiei (Teil des Weltkulturerbes). Im Osten und Westen strömte klares Wasser in die Ebene, die sich weit nach Süden erstreckte. So oder so ähnlich begann das Zeitalter des Friedens (Heian-Jidai), das über vier Jahrhunderte währte.
Mehr als tausend Jahre später (1895) wurde den Bewohnern Kyotos ein Butterbrot gegönnt und der Schrein Heian errichtet, der an die Gründung Kyotos erinnern und den Verlust des Hauptstadtstatusses etwas kompensieren sollte. Hauptstadt war ja seit 1868 Tokyo. Jedes Jahr zum 22. Oktober, wenn sich der Geburtstag nähert und der Schmerz am grössten ist, wird das Jidai-Matsuri gefeiert. Dann wälzt sich ein Koloss von ca. 3000 Kostümierten zeitlich durch die Jahrhunderte und räumlich vom Kaiserpalast bis hin zum Heian-Schrein. Das Spektakel zieht ca. 1 Million Touristen an und konfrontiert die Hotelbranche mit ernsthaften logistischen Problemen. Aber was kann es schon für Schwierigkeiten an einem sonnigen Tag mit gutgelaunten Menschen geben?
Liste der Fotos mit versuchter Zuordnung zu den historischen Personen:

1. Kudara Omyoshin: Chefin (rechts) der kaiserlichen Hausverwaltung am Hof vom Gründungskaiser Kammu mit einer Mitarbeiterin (links).

2. Tomoe-Gozen: legendäre Samurai aus den Genpei-Kriegen (um 1180), nachzulesen auch in den “Erzählungen von den Heike“. Es heisst mit ihrem Bogen und Schwert konnte sie auch Götter und Dämonen herausfordern.

3. Unbekannter Bogenschütze

4. Mitstreiter aus dem Trupp um Kusanoki Masahige: aus der Zeit der streitenden Reiche (Sengoku) im 16. Jahrhundert

5. Frauen aus Katsura (Katuramei): kamen aus dem Westen Kyotos, um Süsswasserfisch zu verkaufen. Spielen auch eine kollektive Rolle im Manga “Prinzessin Mononoke”.

6. Oda Nobunaga: einer der drei groß Einiger des Landes. Errang Vormacht durch die Einführung von Gewehren. Läutete das Ende der Zeit der streitenden Reiche (um 1570) ein.

7. Gefolgsleute von Nobunaga: auf den Gewändern sieht man Familienwappen, die die Klanzugehöhrigkeit definieren.

8. Samurai der Edo-Zeit: Kriegerfähigkeiten waren wegen der ruhigen Zeiten weniger gefordert, vielmehr qualifizierte Business-Administration-Abschlüsse.

9. Unbekannte Hofdame zeitloser Schöhnheit: wir sind uns mit der Einordnung unsicher, die Haartracht lässt aber frühe Heian-Zeit vermuten.

Sommervergnügen, Teil 2

Letzte Woche gab es einen besonderen Tag im Japanischen Kalender, den sog. Shosho-Tag (23.8.). Es ist der Tag, an dem die schwüle Sommerhitze etwas nachlässt und die Luft angenehm frisch riecht, etwa wie nach einem europäischen Sommergewitter. So fiel es uns jedenfalls am Morgen auf dem Weg ins Büro auf und am Abend lernten wir dann in den NHK-Nachrichten, dass es sich an diesem Tag auch so gehört. Es gibt noch 24 weitere Tage, die sich direkt auf den Wandel der Jahreszeiten beziehen (siehe Liste in Wikipedia ). Neben speziellen Tagen gibt es etliche jahreszeitliche Symbole. Für den Sommer sind das u.a. Grillen, Grillenzirpen, Hortensie, Glühwürmchen, Aal, Wilde Lilie, …. Diese finden sich dann natürlich auch in Literatur und Malerei.
Im Sommer ist es ein Riesenspass für die Familien, Grillen und Käfer sammeln zu gehen. Die werden dann in Terrarien gehalten und gefüttert. Zumindest bis zum Sommerende überleben diese auch. Es gibt sogar eine ganze Käferindustrie, die Spezialnahrung für Käfer (Pasten aus Zucker) und Käferhalter (Lutscher mit Käfern drin) anbietet.

Zum Sommer gehört selbstverständlich auch Eis. Neu ist in Japan: es gibt italienisches Eis und es ist der Renner dieses Jahres. Schon immer gab es Softeis und verschiedenes verpacktes Eis. Und noch viel länger gab es Wassereis mit Sirup (Kori) darüber. Es gibt sogar Quellen aus der Nara-Zeit (8. Jh), die diese Eisspezialität als Sommerspeise erwähnen. Da es so alt und ehrwürdig ist, wird manchmal sogar ein O als Vorsilbe spendiert und das Eis (O-kori) wird dadurch quasi geadelt. (Dieses O steht zum Beispiel auch vor Tee, Reis, Grab, Blumenbetrachten usw.) Wirklich fabelhaft erfrischend und delikat ist das geschabte frische Eis, wenn es mit dunklem Waldhonig und sahniger Tofumilch übergossen wird. Aber es gibt auch die quietschfarbigen Chemiefabrikate wie auf dem Foto mit den Geschmacksrichtungen Melone, Erdbeer und Hawai.

Eine andere Sommerentdeckung war ein Swimmingpool im Museum für moderne Kunst in Kanazawa. Der war nämlich betretbar und man konnte vom Grund des Pools zu den Leuten winken, die verdutzt oben am Rand standen und auf einen herunter schauten.

Sommervergnügen, Teil 1

Das Schlagwort des Sommers ist “Matsuri”. Matsuri bedeutet soviel wie Festival, es gibt kleine und grosse, bekannte und unbekannte. Das Gion-Matsuri in Kyoto ist riesig und sicherlich ein Grund dafür, dass Kyoto nach Mekka (!) die am zweithäufigsten besuchte Stadt der Welt ist. Das Gion-Matsuri findet seit 869 statt. Anlaß war eine Pest und man versuchte durch das Herumtragen von Hellebarden die Götter zu besänftigen. (Zweifel, dass sich Götter durch das Herumfuchteln mit Waffen beeindrucken lassen, sind vermutlich berechtigt.). Mit der Zeit wurden die Lanzen auf Wagen montiert und mit großer Anstrengung durch die Gegend gerollt. Die Wagen waren interessanterweise seit dem Mittelalter mit vorzugsweise europäischen und chinesischen Teppichen dekoriert. Heute ist die Tradition (mit samt der Teppiche) erhalten geblieben und ein touristisches Spektakel. Drei Tage ist Kyoto im Ausnahmezustand, das Stadtzentrum für den Verkehr gesperrt und viele gut gelaunte Zuschauer und Strassenverkäfer tummeln sich bis in die späte Nacht im Gewühl der Verkaufsstände und Lampion-Wagen.

Neben dem Gion-Matsuri gibt es unzälige andere Matsuris, eben so viele wie es Gottheiten und Anlässe gibt. Da sind zum Beispiel: das Hummer-Segen-Festival in Ise, das Sternenschnuppen-Festival (hierzu gibt es eine sehr romantische Liebesgeschichte), das Grüne-Tee-Festival in Uji, Fruchtbarkeitsfestivale, …
Beliebt sind bei diesen Abenden auch Kreistänze – manche mögen sich auch noch des Wortes Reigen entsinnen – bei denen tatsächlich jung und alt mittanzt. Auf jeden Fall geht es bunt, lustig und naschhaft zu.
Der Sommer ist auch DIE Zeit für Feuerwerk. Entweder das private am Strand oder Flussufer oder das von Städten organisierte Großfeuerwerk. Die Regionalzeitschrift “Kansai Time Out” listet diese Feuerwerkte übrigens mit Hilfe von zwei Kriterien: einmal dem sog. “Knall-Faktor k”, dessen Maximum bei 10.000 Feuerwerkskörpern (ca. 1.5 h) liegt und dem sog. “Auflauffaktor a”, der bis zu 400.000 Schaulustige betragen kann. In diesem Jahr haben wir das Feuerwerk am Meer bei Hiroshima gesehen (k=8.000, a=300.000). Es war grandios. Jedes Jahr lassen sich die Entwickler von Feuerwerkskörpern neue Formen und auch Farben einfallen, natürlich ist die Herstellung ein wohl gehütetes Geheimnis und wird nur in der Familie weitergegeben. Neu in diesem Jahr war Feuerwerk in Form von einer Katze, zwei verschlungenen Herzen und eines Kranichs, wie uns erstaunte Zuschauer erklärten. Besonders gut kommen auch Riesensternschnuppenraketen an, denn es geht ein kollektives “Ah” durch die Menge.

Soviel zum Sommer Teil 1.