Archiv der Kategorie: Kalifornien

Zwischenbilanz

Vorläufige Bilanz per Bild und Stichpunkten:

  • 20 von 50 Bundesstaaten durchquert
  • mehr als 7000 Meilen per Zug und Bus
  • nur eine Blase erlaufen
  • über 100 Stunden Zugfahrt, etwa 20 Stunden Greyhound-Bus
  • ca. 30 h akkumulierte Verspätung
  • Liste der Orte: Princton Campus und Moor, Downtown Mount Holly mit ältester erhaltener Feuerwehr der USA, Innenstadt Philadelphia und Chicago, Bahnhof und Downtown Barstow, Downtown Bakersfield und Fresno, San Francisco, Palo Alto, Campus Stanford University, Downtown Washington, Hafenstadt Wilmington
  • Liste der Museen: Barstow Harvey House, Museum für Jüdische Kunst der Gegenwart San Franciso, Museum für Asiatische Kunst San Francisco, Stadtführungen SF (Architektur, Popos, Straßenkunst), Kunstmuseum und Park der Stanford Universität, Smithonian Museum für Asiatische Kunst Washington, …
  • Lieblingsfrühstück: Pfannkuchen, Obstsalat und Haferflocken in Barstow
  • Lieblingsmittag: Obento in Japanischen Viertel in San Francisco
  • Lieblingsabendbrot: Koreanischer Tofutopf in San Francisco
  • Anzahl geklauter Bücher: 5, Anzahl neugekaufter Bücher: 7
USA Wegstrecke

USA Wegstrecke

Sex sells: POPOs in San Francisco

Eines der best gehüteten Geheimnisse von San Franciscos sind seine POPOS. Ja, richtig gelesen. Dabei sind die Eigentümer, meist Grossbanken und Finanzkonzerne, verpflichtet, auf die POPOS hinzuweisen. Doch an vielen der Glaspaläste zeigt gerade mal eine kleine Messingtafel an, dass es hier privately owned public open spaces (POPOS), also öffentliche Räume im Privatbesitz, gibt. 68 von ihnen sind über den ganzen Finanzdistrikt verteilt, also genau dort, wo man hoch und noch höher hinaus will. Obwohl diese Institute sich manchmal karitativ geben, haben sie diese Oasen für dich und mich nicht freiwillig angelegt, sondern sind dazu durch Bauverordnung gezwungen worden.

„Something new, something old, and something public“, (etwas neues, etwas altes und etwas für die Öffentlichkeit) so werden die Vorschriften zum Bau von Hochhäusern in der Innenstadt San Franciscos gern umrissen. Mit dem Neuen sind die Bauherren natürlich schnell bei der Hand. Im Erhalten alter Bausubstanz beschränkt man sich gern auf ein kleines Stück Fassade vom Vorgängerbau. Nur beim Nutzen für die Öffentlichkeit gibt es strenge Vorgaben: 1 qm öffentlicher Fläche ist für 50 qm Nutzfläche zu schaffen. Meist wird der POPO als Grünfläche angelegt, manchmal mit Bänken, manchmal mit Bistrostühlen und kleiner Cafe-Ecke, manchmal mit ständig wechselnder Bepfanzung oder auch völlig vernachlässig mit immergrünen
Bodendeckern. Und zu den Öffnungszeiten der Banken hat dann jeder das Recht, diese POPOS auch zu nutzen. Wenn man sie denn findet, denn bei einigen, wie dem Gebäude 343 Sansome St., muss man in den 15 Stock zur Sonnenterrasse hoch.

Da ist es gut, wenn man eine kundige Führung hat. Und so haben wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, und eine Stadtführung gemacht, die zwei Stunden entlang kleiner Gassen durch das Gewirr der Hochhäuser führte und neben den POPOS natürlich auf viel über Banken, Architektur und Geschichte
San Franciscos erzählte. Es war eine fantastische Stadtführung. Man sieht nicht nur schön bepflanzte Gärten sondern auch eine Reihe prachtvoller Kathedralen des Geldes. Nebenbei gelangt man dann auch mal in die Keller einiger Banken, wo dicke Tresortüren zu bestaunen sind.

Eines dieser Prachtbauten ist das Hunter-Dulin-Haus, auch als 111 Sutter Street bekannt. Architektonisch eine Mischung aus französischen Schloss und Hochhaus mit Portalen wie bei gotischen Kathedralen, wurde es vom gleichen Architektenteam entworfen, die auch das Waldorf-Astoria in New York schufen. Bemalte Decken, Aufzuguhren, aufwendig gestaltete Briefkästen und eine grosse in den Fussboden eingelassene Uhr zählen zu den Schmuckstücken der Inneneinrichtung. Vergoldene Eichhörnchen in der Fassadengestaltung wollen einem sagen: Wenn du fleissig sparst, sorgst du vor für schlechte Zeiten. Das Gebäude nach übrigens neben einer monetären Geschichte auch drei weitere historische Nutzer: das Rundfunkstudio von NBC in den 1920iger, das West-Hauptquartier des FBI-Chefs J. Edgar Hoover und als Filmkulisse fÜr das Büro von Sam Spade in „Der Malteser Falke“.

Natürlich gibt es auch einige interessante Geschichten zu den Bankiers der Stadt. Wir erfahren, dass A.P. Giannini es direkt nach den grossen Erdbeben 1906 geschafft haben soll, den Inhalt seines Tresors aus der Stadt zu schaffen. Bei dem dreitätigen Feuer, dass die Stadt nach dem Beben größtenteils
zerstörte, wurden viele Tresortüren dann dermaßen verzogen, dass die Banken nicht mehr an ihr Geld kamen. Nur Herr Giannini konnte dringend benötigte Kredite gewähren. Die Einlagen bestanden seinerzeit übrigens noch aus Goldbarren. Erst nach 1913 setzte sich Papiergeld zunehmend durch. Für Giannini hat es sich gelohnt, seine Bank of Italy entwickelte sich prächtig, wurde später in Bank of America umbenannt und ist heute eines der führenden Bankhäuser der USA.

Sehenswert ist ein POPO zu Füssen der Transamerica-Pyramide, wo mal eine ortstypischen Hain aus Redwood-Bäumen angepflanzt hat. Das Sternenmädchen im Palmengarten des Citigroup-Hauses stammt von der Panama Pacific Ausstellung 1915. Vieles muss man mit eigenen Augen sich ansehen, den Banken sind notorisch kleinlich, wenn es ums Fotografieren geht. Wer bei seinem nächsten Besuch in San Francisco selbst einen Rundgang machem möchte, hier www.spur.org/files/u7/POPOSGuide.pdf findet sich ein Faltblatt mit Karte. Oder vielleicht gleich die Stadtführung machen. Es war sehr unterhaltsam.

If you are going in San Francisco – Gut zu Fuß in SF

Auf den Hund gekommen

Wir ziehen früh am Morgen los, die Fahrkarten für den Greyhound nach San Francisco abzuholen. Die Buchung per Internet spart 20 Dollar, aber man muss eine Stunde vorher losrotteln. Das Stadtzentrum von Fresno wirkt bemüht: es gibt eine Fussgängerpassage, etwas Kunst und viele noch geschlossene Geschäfte. Wir kommen an der Einwanderungsbehörde vorbei, die Leute müssen bei Wind und Wetter anstehen, um ins gelobte Land zu kommen. Dabei scheint der Lack ab. Oder sind wir inzwischen von Anblick ostdeutscher Schnuckelstädtchen zu doll gepampert? Tatsächlich sehen wir viele leere Geschäfte, Leute ohne Dach über dem Kopf – wir werden oft auf Kleingeld angesprochen.

Unserer Beobachtung nach teilen sich die USA mindesten ins 4 Klassen: Leute, die sich alles leisten können, Leute, die zur relative gut gesättigten Mittelschicht gehören und niemals Greyhound fahren würden, Leute, die Greyhound fahren müssen und Leute, die selbst den Greyhound nicht bezahlen können. Nicht, dass das sehr preisgünstig wäre – für die gesamte Strecke von Barstow nach San Franciso berappen wir etwas mehr als 100 Dollar. Wenn man durch das Land fährt, fallen noch mehr Dinge auf. Gemessen an der Größe des Landes, sind die Wohnhäuser rechts und links der Autobahn eng aneinander gebaut. Die zugehörigen Minigärten bergen Mengen an Gerümpel: alte Reifen, verrostete Maschinenteile und der gleichen. Ehrlich gesagt, sieht es in Sibirien entlang der Transsib auch nicht anders aus. Nur, dass man es dort als normal empfindet.

Als wir die Berge am anderen Ende des San-Joaquin-Tals erreichen, wird die Gegend wieder wohlhabender – wir kommen in die Vororte von San Francisco. Hier liegen Silicon Valley und Stanford, hier gibt es Mehrwert. San Francisco begrüßt uns im Sonnenschein. Wir wandern 10 Straßenblöcke bis zu unserem umweltfreundlichen Gut-Hotel mit Fahrradverleih zum Kohlendioxidausgleich. Wer sagt eigentlich, dass Japan das Land der Gegensätze sei?

Casa del Desierto

Casa del Desierto und Strawberry fields forever

Wir sitzen im Greyhound von Barstow nach Bakersfield. Allmählich lassen wir die Wüste hinter uns und in der Ferne taucht die erste Bergkette auf, die Mojawe-Wüste und San-Joaquin-Tal trennen. Es hat nämlich nicht geklappt – ohne Auto sind wir nicht von Barstow weggekommen. Eigentlich wollten wir ja ein paar Tage in den Joshua-Tree National Park, genauer in das Cottonwood-Tal, um die Wüste blühen zu sehen. Der Southwest Chief war gegen 5 Uhr mit etwa einer Stunde Verspätung in Barstow angekommen. Außer uns stieg niemand aus. Es ist dunkel, aber das Bahnhofsgebäude sieht vielversprechend aus. Es nennt sich ‚Casa del Desierto‘ – Haus der Wüste. Frisch gekalkt und restauriert erinnert es an mondäne Südstaatenvillen mit Säulen und Veranda. Doch alles ist zu, niemand da. Wir laufen eine Runde um das Gebäude und werden auch nicht schlauer. Ein Museum der Route 66, ein weiteres für alte Züge – aber alles öffnet erst in Stunden. Es gibt keine Bushaltestelle, kein Taxi – selbst der Interstate schläft noch. Wir setzen uns vor den Eingang zum Bahnhof und warten. Plötzlich schließt jemand die Tür auf, ein Sicherheitsbeamter macht seinen Rundgang. Wir fragen nach dem Weg ins Zentrum und der Mann guckt uns an als seien wir kühne Marsmännchen. Im Prinzip geht es über die Brücke, aber es sei ein Ghetto. Wir fragen, ob wir hier denn sicher wären. Er meint, dass wir immerhin zu zweit wären. Na toll. Es ist stockdunkel und wir sitzen Scheinwerferlicht, wissen nix und warten. Gegen 5.45 Uhr plötzlich ein Heidenlärm – die Vögel werden wach und zwitschern. Es kann also nicht mehr lange dauern mit dem Sonnenaufgang. Um 6 Uhr ist die erste Dämmerung zu erkennen und dann kann man beim Hellwerden zusehen und hören: auf dem Bahnhof werden Güter rangiert, auf dem Interstate werden es mehr Autos und die Vögel sind unterwegs. Je heller es wird, umso zuversichtlicher werden wir. Um 8.30 Uhr öffnet der Bahnhof.

Dieser ist inzwischen ein Museum und ein Besucherzentrum. Das Gebäude ist eines der wenigen noch erhaltenen Harvey-Hotels, die früher längs der Eisenbahnstrecke von Chicago nach Los Angeles existierten. Sie versorgten die Weiterreisenden auch mit Essen, denn Speisewagen wurden erst viel später an die Züge angehängt. Wer einmal dort als Bedienung gearbeitet hatte, hatte wohl gute Heiratschancen. Denn wie wir in alten Dokumenten lasen, haben gleich 5000 Frauen über ihre Arbeit ihren Mann kennengelernt. Nun, kann sich jeder selbst einen Reim drauf machen. Es gibt auch eine englische Wiki-Seite über die Geschichte der Häuser: Link.

Im Besucherzentrum müssen wir auch feststellen, dass kein Weg in die Wüste führt, abgesehen von einem unerschwinglichen Taxi. Zum Trampen wir zu feige. Das war auch gut, wie sich später herausstellt. Wir müssen nun zum Greyhound, der Station des Überlandbuses – der nächste Zug kommt erst in 20 Stunden und müsste eh reserviert werden. Die Haltestelle vom grauen Hund liegt über die Brücke, einmal quer durch den Ort. Der Mitarbeiter hat uns einen Flyer gegeben, in dem alle Murals, also Wandbilder, im Ort eingezeichnet sind. Sieht nett aus. Wir marschieren los. Der Ort wirkt verschlafen, lebt wahrscheinlich nur davon, dass die legendäre Route 66 hindurch führt. Ein Polizeiwagen heult auf, während wir quer über die Straße zu einem Wandbild laufen. Weit kommen wir nicht, denn der Polizist ist aufgebracht und die Leute, die er angehalten hatte auch. Sie fordern ihn auf, uns auch einen Strafzettel zu verpassen. Doch wir sind im Grünstreifen gefangen und warten auf Anweisung. Der Polizist schickt uns hundert Meter zurück, um dort die Ampel zu überqueren. Wir beschließen, das Wandbild nicht zu fotografieren und gehen weiter. Die Geschäfte wirken trostlos, was nicht nur an der Wüstengegend liegt. Als wir an einer Bank vorbeikommen, beschließen wir Geld abzuheben. Tuen das auch nur, weil ein Sicherheitsbeamter davor steht. Immerhin sollen wir im Ghetto sein, worauf wir den Beamten auch ansprechen. Er stimmt uns zu und sagt, dass wir gut aufpassen sollen. Wie gruselig. Dann sind wir wortwörtlich über den Berg. Denn als wir den kleinen Hügel passiert haben, wirkt die Gegend plötzlich normal. Es gibt die üblichen Fastfoodketten und ordentlich aussehende Motels. Tatsächlich sind wir erleichtert und gehen erstmal frühstücken in Coco’s Bäckerei. Für 11 Dollar speisen wir fürstlich: Haferflocken mit Heidelbeeren und Nüssen, Orangensaft, Kaffee und Toast. Internet gibt es auch, damit haben wir wieder Zugang zu Informationen.

Seit einer Stunde sitzen wir nun im Greyhound, wollen noch bis Fresno mit Umsteigen in Bakersfield. Als wir die Bergkette passieren, ist alles grün. Flaches Land soweit das Auge blickt und jeder Flecken ist Agrarland. Hier gibt es aber keine Bauern sondern Agro-Unternehmer, denn die Felder sind riesig: kilometerlange Plantagen, sortenrein, Walnüsse, Aprikosen, Mandeln, Äpfel und Erdbeeren. Immer wieder auch Alfalfa-Felder, die Verarbeitungsanlagen stehen auch gleich um die Ecke. Das brauchen sie vor allem als Futtermittel, denn die Fastfoodketten wollen mit Rind und Schwein versorgt sein. An den Massenställen kommt man auch vorbei auf der Autobahn. Da ist nix mit glücklichen Kühen. Sie stampfen eingeengt im Schlamm und darüber gibt es ein Blechdach. Guten Hunger! Den haben wir auch, als wir in Bakersfield ankommen. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt bis es weiter geht, also erkunden wir die Stadt ein wenig. Sie macht einen netten, studentischen Eindruck. Es gibt Cafes und Restaurants, Fahrradwege, Galerien usw. Wir finden eine Kette, die asiatische Nudelsuppen anbietet. Die sind vegetarisch und lecker. Wir sind wohl wieder im Urlaub. Mit ziemlich Verspätung kommen wir dann abends in Fresno an. Das liegt zentral in dem großen San-Joaquin-Tal und hat ein Downtown mit höheren Gebäuden. Wir finden in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel und haben Glück, denn es ist noch ein behindertengerechtes Zimmer frei. Achja, Joshua-Bäume und Yucca-Wälder haben wir doch noch gesehen, denn wir haben die Täler mit dem Bus durchquert.