Archiv der Kategorie: Kansai

Licht in dunklen Zeiten

Zur Jahrtausendwende, um die 950er Jahre, wütete in Japan die Pest, Erdbeben suchten das Land heim. Man kam nicht mehr hinterher, die Toten zu bestatten. In Kyoto kamen sie schlicht auf die andere Seite des Kamo-Flusses, wo sie verwesten. Auch Kyoto hatte damals seinen Augustin. Der Mönch Kuya kaufte viele Leichname, um diese würdevoll zu bestatten. Singend, trommelnd und tanzend zog er über Dörfer und Märkte. Er sang “Namu Amida Butsu” – “Ich vertraue auf Buddha” -, tanzte mit Kindern im Kreis und richtete sich an das einfache Volk. Er sprach von einer Religion, die sich nicht nur auf die wohlhabende Elite beschränken sollte.

Die Traditon des Nembutsu-Singens hat sich bis heute erhalten und überstand Zeiten, in denen diese Art Tänze und Gesänge verboten waren. Man war gezwungen, auf geheime Formeln auszuweichen: „Moda nan maito“ singen die Mönche des Rokkuharamitsu-Tempels in Kyoto noch heute. Vom 13. Dezember bis zum 31. Dezember kann man sich wieder das Nembutsu-Tanzen ab 16 Uhr im Tempel anschauen – oder gleich mitmachen. Die Statue vom Mönch Kuya, die im Schatzhaus des Tempels steht, ist übrigens ein ungewöhnliches Meisterwerk: sechs kleine Buddha tanzen dem ‚Verrückten der Märkte‘, wie der Mönch Kuya auch betitelt wurde, aus dem Mund.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Der Mönch Kuya (903-972) brachte singend und tanzend Licht in eine dunkle Zeit. Bildquelle: Wiki commons, eigene Bearbeitung.

Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger

Lange haben wir nichts von uns hören lassen, denn wir haben uns hinter Bücherstapeln vergraben, tausende unserer Fotos gesichtet und ausgewählt, Texte geschrieben – kurz: unser Buch „Saigoku – Unterwegs in Japan’s westlichen Landen“ ist nun auch als deutsches und englisches Ebook erhältlich. Außerdem wird im Frühjahr ein neues Buch rauskommen „Okinawa – Unterwegs in Japan’s südlichen Landen“. Saigoku läßt uns aber auch nicht los und so haben wir weitere Dinge zum Thema „Kannon, Kanonen und Berlins Goldene Zwanziger“ recherchiert:

In den 33 Tempeln des Saigoku-­Pilgerwegs wird Kannon verehrt, eine buddhistische Göttin, die in Berlins Goldenen Zwanzigern übrigens zum Allgemeinwissen gehörte. Als aber ein Wiener Journalist auf einer Pressekonferenz die „Kwannon von Okadera“ mit den „Kanonen von Okadera“ verwechselte, empörte sich sein Berliner Kollege. So etwas sei in Berlin undenkbar, denn

„… ein Berliner weiss, was ‚Die Kwannon‘ ist. Ganz bestimmt weiss er es. Denn entweder hat er die Fortsetzungen dieses Romans von Luwig Wolff in der ‚Berliner Illustrirten‘ gelesen ­ oder die zehntausend mystischen Plakate an allen Strassenecken, in allen Untergrundbahnstationen, bei jedem Kiosk bis hinein in die verborgensten Winkel des dunklen Berlin haben so lange auf ihn eingehauen ­ bis er eines Tages doch nach dem Lexikon […] gegriffen hat …“

Aus: Bernard Schüler, Der Ullstein­Verlag und der Stummfilm

Noch mehr dazu gibt es in unserem Feature in der November­-Ausgabe der OAG­-Notizen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. Die Kannon vom Oka-dera als Multimedia-Star im Berlin der Goldenen Zwanziger. Eine Detektivgeschichte

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon. Quelle: Revue des Monats, Bd. 4, 1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert von Soichi Sunami

Die berühmte Ausdruckstänzerin Ruth St. Denis als Kannon.
Quelle: Revue des Monats, Bd. 4,
1929/30, Heft Nr. 10. Fotografiert
von Soichi Sunami

Von Klingonenschlachten und anderen Prüfungen

Seit Sonntag ist es auch offiziell: der Frühling ist wieder da. Das liegt nicht an den in diesem Jahr auch in Japan zu hohen Wintertemperaturen, sondern schlicht an einer Festlegung. Auf der Hälfte der Strecke zwischen kalendarischem Winterbeginn (21.12.) und Frühlingsbeginn (21.3.) liegt der Feiertag Setsubun (Zwischen-den-Jahreszeiten). Das war am letzten Sonnabend und seit Sonntag ist nun Frühling. Zu Setsubun gab es ziemlich Action.
Wir sind dafür bei wolkenlosem Himmel und ca. 14 Grad windloser Wärme in die alte Hauptstadt Nara gefahren. Dort absolvierten wir ein straffes Event-Programm. Nachdem wir Horatio, einen rumänischen Ingenieur, und Hide, unseren japanischen Veteran und mittellosen Diamant-Physiker, am Bahnhof eingepackt hatten, zwitscherten wir ab in Richtung Gango-Tempel, dem vermutlich ältesten Tempel Japans. Gegen 13 Uhr begann die Frühlingszeremonie mit dem Einmarsch von Yamabushi (Bergkriegermönchen), die in riesige Südseemuscheln tröteten. Es gibt auch einen deutschen Namen für dieses Instrument: das Tritonshorn. Allerdings sind die Südseemuscheln tatsächlich japanischer Herkunft und im Gegensatz zu gewöhnlichen können die japanischen drei Töne produzieren. Wie – das wird seit Jahrhunderten geheimgehalten. Nach ein paar Schaukampfeinlagen von Schwert- und Stockkampfmeistern passierte das eigentliche: ein riesige Feuer wurde entzündet und gespendete Holztäfelchen wurden verbrannt. Dann wurde das Feuer vorbereitet für Hiwatari, das Überqueren des Feuers – natürlich barfuß. Der Andrang war riesig: Jung und Alt kletterte laufbandgleich über die heissen Bohlen. Dannach ging es gleich weiter zum Sojabohnenwerfen. Das ist kein Teilwettbewerb aus einer alternativen Olympiade, sondern es handelt sich um einen alten Brauch. Trockene Sojabohnen – schmecken nussig – werden in die Menge geworfen und wer welche fängt, erhascht sich eine Portion Glück. Allerdings kann man diese Aktion getrost als Wettbewerb beschreiben, denn die sonst so höflichen und zurückhaltenden Japaner entpuppten sich als schubsende und kratzende Gangsterbande. Hide und Horatio waren mit dem Fangen erfolgreich und mir gelangen ein paar gute Fotos. Dieses Sojabohnenwerfen wird übrigens in vielen Tempeln in ganz Japan abgehalten, wobei die Attraktivität noch durch werfende Prominente gesteigert wird. Zu viert haben wir dann die Bohnen gefuttert, sind aber nicht wirklich satt geworden. Also sind wir in eine Okonomiyaki-Kaschemme und haben eine preiswerte, enorm leckere japanische Pizza gemampft.
Aber das Touri-Programm war ja straff, also weiter zum Kasuga-Schrein. Den kannten wir schon, aber noch nicht im Dunkeln mit hunderten angezündeten Laternen im dichten Zedernwald. In dieser sehr feierlichen Stimmung trafen wir Vathi, einen Physik-Studenten aus der Türkei mit drei anderen türkischen Freunden. Es entwickelten sich interessante Gespräche unter anderem über japanische Ästhetik – einer schrieb an einer Philosophie-Doktorarbeit zu diesem Thema. Gemeinsam pilgerten wir dann zum Kofuku-Tempel, wo dann die Klingonenschlacht stattfand. Teufel in Klingonenkostümen – vermutlich ist es andersrum und die Klingonen haben ihre Kleidung den japanischen Teufeln geklaut – rannten mit Äxten und Knüppeln durch die Gegend, prügelten sich oder erschreckten das Publikum. Dann tauchte engelsgleich eine Figur mit lieblicher Maske auf, was ganz klar den Frühling symbolisierte. Kurz und glücklich: der Frühling gewann, die Teufel verschwanden und erneut konnten Sojabohnen geworfen werden. Da wir vom ersten Wurf-Event unsere Lehren gezogen hatten, verfolgten wir dieses nun aus sicherer Entfernung und genossen den Blick auf den wallenden Tempelkessel vor Vollmondkulisse.
Achja, was weitere Prüfungen angeht – nun, wir dürfen leider nicht nach Kambodscha, müssen aus finanziellen Gründen das erste Mal per Flug zurück nach Europa und ziehen wieder ein paar mal hier und dort hin. Wir hoffen aber, dass wir nach bislang 15 Umzügen seit Mai letzten Jahres (gerechnet ohne die Sommerurlaubszeit), ab April in Rostock eine Bleibe für ein paar Monate am Stück haben werden. Und: erfreulicherweise konnten wir unseren in Hongkong notwendigen Zwischenstopp auf 30 Stunden ausdehnen und so werden wir das chinesische Neujahr mitmachen. Jenny holt uns in Amsterdam ab und dann gehts direkt nach Münster in den Rosenmontagskatzenjammer oder ins Spektakel – je nach dem ob man nun Fan ist oder lieber das Weite sucht und stattdessen traditionelle Struwen isst. Think positiv!

Auf das das Jahr saugut werden möge!

Der Inoseyama – der Wildschweingipfel – ist wirklich kein imposanter Berg. Er ist mit 553 Metern eigentlich mickrig, bietet auf seinem Gipfel keinerlei Ausblick, der Weg hoch ist herausforderungsarm und strommastengesäumt. Aber da ist sein Name und der katapuliert ihn dieses Jahr in den Popularitätshimmel.
Folgerichtig quetschten sich einige Wandertrupps oben auf dem ausichtslosen Kamm, um zu picknicken. Wir waren wieder mit dem Kansai Hiking Club unterwegs und absolvierten so unseren Hatsu-Hike, also die erste Wanderung im Neuen Jahr. Und das ist eine Neujahrstradition. Es gibt noch etliche andere Hatsu-traditionen, wie den ersten Sonnenaufgang anschauen, einen Schrein besuchen, ein heisses Bad nehmen und ganz wichtig, den Neujahrstraum analysieren. Seit irgendein Shogun irgendwann einmal vom Berg Fuji, einem Habicht und einer Aubergine träumte, gilt es
als glückverheissend, es ihm gleich zu tun. So entstehen eben Glückssymbole.
Wandert man in Japan, ist man immer wieder erstaunt, wie schnell man dort landet, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Bei uns hatten Fuchs und Hase die Gestalt von einer Affenhorde und einer Bärenfalle, in der zum Glück noch kein Bär Gute Nacht gesagt hatte. Wir wünschten uns das obligatorische “Otsukare sama deshita” – Sie werden sicherlich müde sein – nach vollbrachter Wanderung und anschliessendem gemeinsamen Barbesuch.

Der Mensch ist gut, da gibt es nichts zu lachen

Mit dem Karma ist das ja so eine Sache. Man investiert und hofft, dass irgendwann die Rendite positiv ist. Das heisst, das hofft man nur heimlich, weil sonst gibts Minuspunkte. Tja, und was sollen wir sagen – vergesst das Karma und solche Geschichten, denn die Welt – der Mensch – ist gut. Punkt.
Diese Woche ist eine herrliche Woche, wir haben nach einem recht arbeitsreichen November und halben Dezember wieder Zeit, mal um uns herum zu blicken. Zwar waren August und Hide-san am Sonntag noch allein mit der lustigen Kansai-Wandertruppe 16 km bergauf und -ab unterwegs, (ich mußte nach Tokyo zwei Vorträge halten), aber schon am Montag fand die Jahresendparty (Bonenkai) unserer Physikergruppe statt. Es hat ausgezeichnet geschmeckt und war ein wirklich unterhaltsamer Abend. Damit jeder mal mit jedem spricht, wurden fließend die Sitzplätze gewechselt. Im Anschluß sind wir noch Karaoke-singen gegangen, das heißt ich habe wegen meiner Erkältung eher gekrächzt. Aber wie heisst es doch? Debye sein ist alles. (Für die Nicht-Physiker: Debye ist Nobelpreisträger und der Klang seines Namens sorgt für die insider-Veränderung des olympischen Mottos.)
Mittwoch sind wir nach Kyoto und Donnerstag nach Osaka, um Stollen und Glühwein für Freitag zu besorgen. Wir wollen Nachmittags eine Runde ausgeben und ein paar Bilder vom winterlichen Zittau zeigen. Man schluckt schon bei den Preisen. Eine Flasche Glühwein vom deutschen Weihnachtsmarkt in Osaka kostet 15 Euro. Wir brauchen drei. Der Stollen kostet so um die 10 Euro für 500 g. Aber wir agieren nach dem Motto: Augen zu und durch.
Am Kamo-Fluß in Kyoto fiel uns dann ein älteres Ehepaar auf (siehe Foto), das ein kleines Vögelchen in den Händen hielt. Es hatte sich kompliziert in einen Bindfaden verfangen und konnte sich nicht mehr selbst befreien. Mit unserem schweizer Taschenmesser und abgestimmt japanisch-deutscher Zusammenarbeit operierten wir den Faden weg und das Vögelchen stürzte sich wieder übermütig, vielleicht noch etwas erschrocken, in die Höhe. Das war die Pioniertat vom Mittwoch.
Auf dem Heimweg vom Weihnachtsmarkt haben wir beschlossen beim Inder zu stoppen, wir hatten versprochen nochmal vorbeizukommen. Und das kam so. Auf dem Campus in Suita gibt es neben der Mensa eine kleine Bude, wo Inder Mittags Nan (Fladen) und Curry verkaufen. Ab und an, wenn es in der Mensa zu voll ist, gehen wir dort essen. Irgendwann im Oktober trafen wir dann dort auch den Besitzer des kleinen Restaurants, welches sich in der Nähe des Toyonaka-Campus befindet. Die Welt ist klein und es gibt immer Gelegenheit für einen kleinen Plausch. So auch gestern abend im Restaurant dann. Ein gut gelaunter Malaye, Großvater, stolzer Vater und Fussballspieler, war grad zu Besuch. Und wenn man schonmal da ist, kann man auch gleich helfen – und sich ein bisschen mit den Gästen unterhalten. Das geht, denn “man muß einfach nur ein wenig Englisch lernen und dann kann man heutzutage auf der ganzen Welt Gesprächspartner finden. Ist das nicht herrlich?” Der fröhliche Malaye kommt seit ein paar Jahren regelmäßig für 6 Monate nach Japan – solange gilt das Toursitenvisum – um auf seine Enkel aufzupassen, während seine Tochter an ihrer Doktorarbeit in Rechtswissenschaften schreibt. Habt ihr gehört, wie es grad gewaltig gescheppert hat? Nicht erschrecken, das waren nur ein paar Vorurteile, die wieder einen Sprung bekommen haben. Das Essen war erneut klasse: Kokosnuss-Curry, Dal, Knoblauch-Nan, Mango-Lassie und zum Schluß Gewürztee auf Kosten des Hauses. Und Kambodscha ist noch ein Stück näher gerückt.
Später gab es dann Musik. Sie kam aus einer kitschigen Weihnachtskarte, wo man draufdrücken muß. Eine Weihnachtskarte für Mr. August und Mrs. Jana von den benghalischen Köchen. Und der Moment war tatsächlich so still, wie der Text des Liedes.
Heute gibts die kleine Weihnachtsfeier, morgen gehen wir mit Satoshi, Junko und ihren zwei Kindern nochmal auf den Weihnachtsmarkt, Sonntag hat Hide Geburstag und Montag fangen wir an, “Indianer-Jones und das Grab des Kaisers” zu spielen. Das wird nämlich unser Weihnachtsgeschenk an uns. Frohe Weihnachten Euch allen!

Sommervergnügen, Teil 2

Letzte Woche gab es einen besonderen Tag im Japanischen Kalender, den sog. Shosho-Tag (23.8.). Es ist der Tag, an dem die schwüle Sommerhitze etwas nachlässt und die Luft angenehm frisch riecht, etwa wie nach einem europäischen Sommergewitter. So fiel es uns jedenfalls am Morgen auf dem Weg ins Büro auf und am Abend lernten wir dann in den NHK-Nachrichten, dass es sich an diesem Tag auch so gehört. Es gibt noch 24 weitere Tage, die sich direkt auf den Wandel der Jahreszeiten beziehen (siehe Liste in Wikipedia ). Neben speziellen Tagen gibt es etliche jahreszeitliche Symbole. Für den Sommer sind das u.a. Grillen, Grillenzirpen, Hortensie, Glühwürmchen, Aal, Wilde Lilie, …. Diese finden sich dann natürlich auch in Literatur und Malerei.
Im Sommer ist es ein Riesenspass für die Familien, Grillen und Käfer sammeln zu gehen. Die werden dann in Terrarien gehalten und gefüttert. Zumindest bis zum Sommerende überleben diese auch. Es gibt sogar eine ganze Käferindustrie, die Spezialnahrung für Käfer (Pasten aus Zucker) und Käferhalter (Lutscher mit Käfern drin) anbietet.

Zum Sommer gehört selbstverständlich auch Eis. Neu ist in Japan: es gibt italienisches Eis und es ist der Renner dieses Jahres. Schon immer gab es Softeis und verschiedenes verpacktes Eis. Und noch viel länger gab es Wassereis mit Sirup (Kori) darüber. Es gibt sogar Quellen aus der Nara-Zeit (8. Jh), die diese Eisspezialität als Sommerspeise erwähnen. Da es so alt und ehrwürdig ist, wird manchmal sogar ein O als Vorsilbe spendiert und das Eis (O-kori) wird dadurch quasi geadelt. (Dieses O steht zum Beispiel auch vor Tee, Reis, Grab, Blumenbetrachten usw.) Wirklich fabelhaft erfrischend und delikat ist das geschabte frische Eis, wenn es mit dunklem Waldhonig und sahniger Tofumilch übergossen wird. Aber es gibt auch die quietschfarbigen Chemiefabrikate wie auf dem Foto mit den Geschmacksrichtungen Melone, Erdbeer und Hawai.

Eine andere Sommerentdeckung war ein Swimmingpool im Museum für moderne Kunst in Kanazawa. Der war nämlich betretbar und man konnte vom Grund des Pools zu den Leuten winken, die verdutzt oben am Rand standen und auf einen herunter schauten.

Sommervergnügen, Teil 1

Das Schlagwort des Sommers ist “Matsuri”. Matsuri bedeutet soviel wie Festival, es gibt kleine und grosse, bekannte und unbekannte. Das Gion-Matsuri in Kyoto ist riesig und sicherlich ein Grund dafür, dass Kyoto nach Mekka (!) die am zweithäufigsten besuchte Stadt der Welt ist. Das Gion-Matsuri findet seit 869 statt. Anlaß war eine Pest und man versuchte durch das Herumtragen von Hellebarden die Götter zu besänftigen. (Zweifel, dass sich Götter durch das Herumfuchteln mit Waffen beeindrucken lassen, sind vermutlich berechtigt.). Mit der Zeit wurden die Lanzen auf Wagen montiert und mit großer Anstrengung durch die Gegend gerollt. Die Wagen waren interessanterweise seit dem Mittelalter mit vorzugsweise europäischen und chinesischen Teppichen dekoriert. Heute ist die Tradition (mit samt der Teppiche) erhalten geblieben und ein touristisches Spektakel. Drei Tage ist Kyoto im Ausnahmezustand, das Stadtzentrum für den Verkehr gesperrt und viele gut gelaunte Zuschauer und Strassenverkäfer tummeln sich bis in die späte Nacht im Gewühl der Verkaufsstände und Lampion-Wagen.

Neben dem Gion-Matsuri gibt es unzälige andere Matsuris, eben so viele wie es Gottheiten und Anlässe gibt. Da sind zum Beispiel: das Hummer-Segen-Festival in Ise, das Sternenschnuppen-Festival (hierzu gibt es eine sehr romantische Liebesgeschichte), das Grüne-Tee-Festival in Uji, Fruchtbarkeitsfestivale, …
Beliebt sind bei diesen Abenden auch Kreistänze – manche mögen sich auch noch des Wortes Reigen entsinnen – bei denen tatsächlich jung und alt mittanzt. Auf jeden Fall geht es bunt, lustig und naschhaft zu.
Der Sommer ist auch DIE Zeit für Feuerwerk. Entweder das private am Strand oder Flussufer oder das von Städten organisierte Großfeuerwerk. Die Regionalzeitschrift “Kansai Time Out” listet diese Feuerwerkte übrigens mit Hilfe von zwei Kriterien: einmal dem sog. “Knall-Faktor k”, dessen Maximum bei 10.000 Feuerwerkskörpern (ca. 1.5 h) liegt und dem sog. “Auflauffaktor a”, der bis zu 400.000 Schaulustige betragen kann. In diesem Jahr haben wir das Feuerwerk am Meer bei Hiroshima gesehen (k=8.000, a=300.000). Es war grandios. Jedes Jahr lassen sich die Entwickler von Feuerwerkskörpern neue Formen und auch Farben einfallen, natürlich ist die Herstellung ein wohl gehütetes Geheimnis und wird nur in der Familie weitergegeben. Neu in diesem Jahr war Feuerwerk in Form von einer Katze, zwei verschlungenen Herzen und eines Kranichs, wie uns erstaunte Zuschauer erklärten. Besonders gut kommen auch Riesensternschnuppenraketen an, denn es geht ein kollektives “Ah” durch die Menge.

Soviel zum Sommer Teil 1.

Raststättentourismus

Auf unserem täglichen Streifzug nach etwas Essbarem im Umkreis von 15 km um unser Zelt am Biwa-See querten wir diesmal die Nationalstraße 161. Dadurch wurden wir auf die Tafel mit dem großen I unter zwei Bäumen aufmerksam. “I” wie Information, also nichts wie hin. Wir landeten auf einer Autobahnraststätte an einer halbfertigen Autobahn. Dieser Ort ist die Aufnahme in einen Reiseführer wert. Warum? Im blitzblanken Erholungsraum mit ca. 10 Riesenflachbildschirmen lief gerade das Spiel Deutschland-Portugal. Neben der großen, sehr gut besuchten Verkaufshalle mit regionalen Leckereien und Andenken befand sich ein Museum über die Herstellung japanischer Fächer. Für 1600 Yen (ca. 12 EUR) konnte man sogar selbst einen “orijinaru” (von engl. originell) Fächer bemalen oder einfach die angenehme Kühle eines klimatisierten Raumes genießend, einem Handwerker bei der geduldigen Herstellung zuschauen. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man es in Japan schafft, in den hektischen Alltag Momente der Ruhe einzuplanen und alte Traditionen direkt erfahrbar zu gestalten. Andererseits: Klöppeln am Schkeuditzer Kreuz?!

Zurück zur wirklichen Mission: der Jagd nach Essbarem! Nun, was sollen wir sagen ohne ins Schwärmen zu geraten? Es gab in der Raststätte sogar ein Bio-Restaurant, wo wir für sage und schreibe 6 EUR pro Nase hervorragend gespeist haben (Fotobeleg folgt). Kann das noch getoppt werden? Es kann. Wir wurden nämlich von einem Gymnasiallehrer aus Aoyagi angesprochen. Er war neugierig, wir waren neugierig und so begann ein interessantes Gespräch. Es endete damit, dass er uns vier 300-Jahre alte Yenmünzen schenkte. Damals übrigens mit Loch in der Mitte, da die Geldbörse noch aus einem an der Kleidung befestigtem Strick bestand.
Leute, geht ab und zu mal in eine Raststätte. Wer weiß schon, wer und was einem so begegnet.

Sommer, Sonne, Biwastrand

Ab heute beziehen wir unser Zeltlager am Oststrand des Biwako, des grössten Binnensees Japans und etwa 40 km nordöstlich von Kyoto gelegen. Ja, wir sind also gut angekommen in Kyoto und haben uns inzwischen den Sand der Gobi wieder aus den Lungen gehustet und die ersten sentimentalen Kurzbesuche, wie etwa in unserem Lieblings-Kaiseki-Restaurant in Uji, erledigt. Kaiseki-Essen hat übrigens erstmal nichts mit der Kaiserfamilie zu tun. Es ist die Bezeichnung für die gehobene Küche Kyotos und besteht aus vielen kleinen Köstlichkeiten. Mit der Kaiserfamilie hatten wir allerdings auch zu tun. Seine kaiserliche Hoheit, Prinz Sowieso, Bruder des Kronprinzen, war nämlich Ehrengast des 3. Weltkongresses der Ressourcen- und Umweltökonomen. Der Kongress geht heute zu Ende und unser Urlaub kann beginnen. Irgendwann Mitte August berichten wir dann, ob es mit dem Interview des Schweizer Mönches in der Klosteranlage in der Nähe des Berges Koya geklappt hat, wieviele Taifune es gab, wie das wichtigste Fest Kyotos – das Gion-Matsuri – verlief, ob wir es auch nach Sadogashima geschafft haben zum Trommelfest … … Viele Pläne, die irgendwie gar nicht nach Urlaub “Sommer, Sonne, Ostseestrand” klingen.