Archiv für den Monat: August 2006

Im Land des goldenen, öffentlichen Klos

Der Kunde ist “Kyaku-sama” – der ehrenwehrte. Das normale “san” als Anhang an den Namen in der Anrede wird durch das höflichere “sama” ersetzt. Kyakusama ist man aber nicht nur beim Einkauf, dem Fahren mit der Bahn usw. sondern auch, wenn man als Gast eine Familie zu Hause besucht. Höflichkeit wird groß geschrieben und das vor allem im Alltag; das freundliche “Konnicha wa” (Guten Tag), das laut gerufene “Irrasshaimase” (Herzlich Willkommen), wenn man einen Laden oder ein Restaurant betritt, die angedeutete Verbeugung des Schaffners, das sommerliche “Atsui desu ne!” (Heiß ist es!), was oft den Anfang zu einem kurzen Plausch bietet. Für uns hat japanische Höflichkeit keinen Gewöhnungseffekt.
Schon weil man immer wieder Bauklötzer staunt, was man sich alles einfallen lassen kann. Ein Beispiel. “Maximum Zizi” (mit französischem Akzent zu sprechen, sollte aber besser nicht übersetzt werden) ist eine Konditor-Kette. Auf dem Weg zu unserem Gästezimmer liefen wir mehrmals am Tag an einem dieser Geschäfte vorbei, sehr bemüht, nicht am in der Auslage präsentierten süßen Gaumenschmaus kleben zu bleiben. Nach ein paar Tagen gaben wir jedoch auf und kauften uns drei kleine Sommerdesserts: ein Mango-Vanillecreme Dessert mit Kokosplättchen, einen Orange-Mango-Joghurt und ein Erdbeer-Soufflet. Alles wurde hübsch eingepackt und – so wie gewünscht – mit Kühleis für 20 min versehen. Wir bezahlten umgerechnet 6 EUR und erwarteten, die Desserts über die Einkaufstheke gereicht zu bekommen. Statt dessen begleitete die Dame uns bis zum Eingang des Geschäftes und überreichte uns erst dort die Leckereien. Eben Maximum Zizi! Das wird ab nun für uns ein Synonym für “verwöhnt werden” – natürlich mit Augenzwinkern sein.
Kurios waren die Entdeckung eines vergoldeten Getränkeautomaten in einem öffentlichen Klo in Kanazawa oder der Ashi-Onsen (Fussbad im Dorfzentrum mit Thermalwasser).

Sommervergnügen, Teil 2

Letzte Woche gab es einen besonderen Tag im Japanischen Kalender, den sog. Shosho-Tag (23.8.). Es ist der Tag, an dem die schwüle Sommerhitze etwas nachlässt und die Luft angenehm frisch riecht, etwa wie nach einem europäischen Sommergewitter. So fiel es uns jedenfalls am Morgen auf dem Weg ins Büro auf und am Abend lernten wir dann in den NHK-Nachrichten, dass es sich an diesem Tag auch so gehört. Es gibt noch 24 weitere Tage, die sich direkt auf den Wandel der Jahreszeiten beziehen (siehe Liste in Wikipedia ). Neben speziellen Tagen gibt es etliche jahreszeitliche Symbole. Für den Sommer sind das u.a. Grillen, Grillenzirpen, Hortensie, Glühwürmchen, Aal, Wilde Lilie, …. Diese finden sich dann natürlich auch in Literatur und Malerei.
Im Sommer ist es ein Riesenspass für die Familien, Grillen und Käfer sammeln zu gehen. Die werden dann in Terrarien gehalten und gefüttert. Zumindest bis zum Sommerende überleben diese auch. Es gibt sogar eine ganze Käferindustrie, die Spezialnahrung für Käfer (Pasten aus Zucker) und Käferhalter (Lutscher mit Käfern drin) anbietet.

Zum Sommer gehört selbstverständlich auch Eis. Neu ist in Japan: es gibt italienisches Eis und es ist der Renner dieses Jahres. Schon immer gab es Softeis und verschiedenes verpacktes Eis. Und noch viel länger gab es Wassereis mit Sirup (Kori) darüber. Es gibt sogar Quellen aus der Nara-Zeit (8. Jh), die diese Eisspezialität als Sommerspeise erwähnen. Da es so alt und ehrwürdig ist, wird manchmal sogar ein O als Vorsilbe spendiert und das Eis (O-kori) wird dadurch quasi geadelt. (Dieses O steht zum Beispiel auch vor Tee, Reis, Grab, Blumenbetrachten usw.) Wirklich fabelhaft erfrischend und delikat ist das geschabte frische Eis, wenn es mit dunklem Waldhonig und sahniger Tofumilch übergossen wird. Aber es gibt auch die quietschfarbigen Chemiefabrikate wie auf dem Foto mit den Geschmacksrichtungen Melone, Erdbeer und Hawai.

Eine andere Sommerentdeckung war ein Swimmingpool im Museum für moderne Kunst in Kanazawa. Der war nämlich betretbar und man konnte vom Grund des Pools zu den Leuten winken, die verdutzt oben am Rand standen und auf einen herunter schauten.

Sommervergnügen, Teil 1

Das Schlagwort des Sommers ist “Matsuri”. Matsuri bedeutet soviel wie Festival, es gibt kleine und grosse, bekannte und unbekannte. Das Gion-Matsuri in Kyoto ist riesig und sicherlich ein Grund dafür, dass Kyoto nach Mekka (!) die am zweithäufigsten besuchte Stadt der Welt ist. Das Gion-Matsuri findet seit 869 statt. Anlaß war eine Pest und man versuchte durch das Herumtragen von Hellebarden die Götter zu besänftigen. (Zweifel, dass sich Götter durch das Herumfuchteln mit Waffen beeindrucken lassen, sind vermutlich berechtigt.). Mit der Zeit wurden die Lanzen auf Wagen montiert und mit großer Anstrengung durch die Gegend gerollt. Die Wagen waren interessanterweise seit dem Mittelalter mit vorzugsweise europäischen und chinesischen Teppichen dekoriert. Heute ist die Tradition (mit samt der Teppiche) erhalten geblieben und ein touristisches Spektakel. Drei Tage ist Kyoto im Ausnahmezustand, das Stadtzentrum für den Verkehr gesperrt und viele gut gelaunte Zuschauer und Strassenverkäfer tummeln sich bis in die späte Nacht im Gewühl der Verkaufsstände und Lampion-Wagen.

Neben dem Gion-Matsuri gibt es unzälige andere Matsuris, eben so viele wie es Gottheiten und Anlässe gibt. Da sind zum Beispiel: das Hummer-Segen-Festival in Ise, das Sternenschnuppen-Festival (hierzu gibt es eine sehr romantische Liebesgeschichte), das Grüne-Tee-Festival in Uji, Fruchtbarkeitsfestivale, …
Beliebt sind bei diesen Abenden auch Kreistänze – manche mögen sich auch noch des Wortes Reigen entsinnen – bei denen tatsächlich jung und alt mittanzt. Auf jeden Fall geht es bunt, lustig und naschhaft zu.
Der Sommer ist auch DIE Zeit für Feuerwerk. Entweder das private am Strand oder Flussufer oder das von Städten organisierte Großfeuerwerk. Die Regionalzeitschrift “Kansai Time Out” listet diese Feuerwerkte übrigens mit Hilfe von zwei Kriterien: einmal dem sog. “Knall-Faktor k”, dessen Maximum bei 10.000 Feuerwerkskörpern (ca. 1.5 h) liegt und dem sog. “Auflauffaktor a”, der bis zu 400.000 Schaulustige betragen kann. In diesem Jahr haben wir das Feuerwerk am Meer bei Hiroshima gesehen (k=8.000, a=300.000). Es war grandios. Jedes Jahr lassen sich die Entwickler von Feuerwerkskörpern neue Formen und auch Farben einfallen, natürlich ist die Herstellung ein wohl gehütetes Geheimnis und wird nur in der Familie weitergegeben. Neu in diesem Jahr war Feuerwerk in Form von einer Katze, zwei verschlungenen Herzen und eines Kranichs, wie uns erstaunte Zuschauer erklärten. Besonders gut kommen auch Riesensternschnuppenraketen an, denn es geht ein kollektives “Ah” durch die Menge.

Soviel zum Sommer Teil 1.