Archiv für den Monat: Dezember 2006

Der Mensch ist gut, da gibt es nichts zu lachen

Mit dem Karma ist das ja so eine Sache. Man investiert und hofft, dass irgendwann die Rendite positiv ist. Das heisst, das hofft man nur heimlich, weil sonst gibts Minuspunkte. Tja, und was sollen wir sagen – vergesst das Karma und solche Geschichten, denn die Welt – der Mensch – ist gut. Punkt.
Diese Woche ist eine herrliche Woche, wir haben nach einem recht arbeitsreichen November und halben Dezember wieder Zeit, mal um uns herum zu blicken. Zwar waren August und Hide-san am Sonntag noch allein mit der lustigen Kansai-Wandertruppe 16 km bergauf und -ab unterwegs, (ich mußte nach Tokyo zwei Vorträge halten), aber schon am Montag fand die Jahresendparty (Bonenkai) unserer Physikergruppe statt. Es hat ausgezeichnet geschmeckt und war ein wirklich unterhaltsamer Abend. Damit jeder mal mit jedem spricht, wurden fließend die Sitzplätze gewechselt. Im Anschluß sind wir noch Karaoke-singen gegangen, das heißt ich habe wegen meiner Erkältung eher gekrächzt. Aber wie heisst es doch? Debye sein ist alles. (Für die Nicht-Physiker: Debye ist Nobelpreisträger und der Klang seines Namens sorgt für die insider-Veränderung des olympischen Mottos.)
Mittwoch sind wir nach Kyoto und Donnerstag nach Osaka, um Stollen und Glühwein für Freitag zu besorgen. Wir wollen Nachmittags eine Runde ausgeben und ein paar Bilder vom winterlichen Zittau zeigen. Man schluckt schon bei den Preisen. Eine Flasche Glühwein vom deutschen Weihnachtsmarkt in Osaka kostet 15 Euro. Wir brauchen drei. Der Stollen kostet so um die 10 Euro für 500 g. Aber wir agieren nach dem Motto: Augen zu und durch.
Am Kamo-Fluß in Kyoto fiel uns dann ein älteres Ehepaar auf (siehe Foto), das ein kleines Vögelchen in den Händen hielt. Es hatte sich kompliziert in einen Bindfaden verfangen und konnte sich nicht mehr selbst befreien. Mit unserem schweizer Taschenmesser und abgestimmt japanisch-deutscher Zusammenarbeit operierten wir den Faden weg und das Vögelchen stürzte sich wieder übermütig, vielleicht noch etwas erschrocken, in die Höhe. Das war die Pioniertat vom Mittwoch.
Auf dem Heimweg vom Weihnachtsmarkt haben wir beschlossen beim Inder zu stoppen, wir hatten versprochen nochmal vorbeizukommen. Und das kam so. Auf dem Campus in Suita gibt es neben der Mensa eine kleine Bude, wo Inder Mittags Nan (Fladen) und Curry verkaufen. Ab und an, wenn es in der Mensa zu voll ist, gehen wir dort essen. Irgendwann im Oktober trafen wir dann dort auch den Besitzer des kleinen Restaurants, welches sich in der Nähe des Toyonaka-Campus befindet. Die Welt ist klein und es gibt immer Gelegenheit für einen kleinen Plausch. So auch gestern abend im Restaurant dann. Ein gut gelaunter Malaye, Großvater, stolzer Vater und Fussballspieler, war grad zu Besuch. Und wenn man schonmal da ist, kann man auch gleich helfen – und sich ein bisschen mit den Gästen unterhalten. Das geht, denn “man muß einfach nur ein wenig Englisch lernen und dann kann man heutzutage auf der ganzen Welt Gesprächspartner finden. Ist das nicht herrlich?” Der fröhliche Malaye kommt seit ein paar Jahren regelmäßig für 6 Monate nach Japan – solange gilt das Toursitenvisum – um auf seine Enkel aufzupassen, während seine Tochter an ihrer Doktorarbeit in Rechtswissenschaften schreibt. Habt ihr gehört, wie es grad gewaltig gescheppert hat? Nicht erschrecken, das waren nur ein paar Vorurteile, die wieder einen Sprung bekommen haben. Das Essen war erneut klasse: Kokosnuss-Curry, Dal, Knoblauch-Nan, Mango-Lassie und zum Schluß Gewürztee auf Kosten des Hauses. Und Kambodscha ist noch ein Stück näher gerückt.
Später gab es dann Musik. Sie kam aus einer kitschigen Weihnachtskarte, wo man draufdrücken muß. Eine Weihnachtskarte für Mr. August und Mrs. Jana von den benghalischen Köchen. Und der Moment war tatsächlich so still, wie der Text des Liedes.
Heute gibts die kleine Weihnachtsfeier, morgen gehen wir mit Satoshi, Junko und ihren zwei Kindern nochmal auf den Weihnachtsmarkt, Sonntag hat Hide Geburstag und Montag fangen wir an, “Indianer-Jones und das Grab des Kaisers” zu spielen. Das wird nämlich unser Weihnachtsgeschenk an uns. Frohe Weihnachten Euch allen!

Intermezzo pour Jenny

… mit einem kleinen Ausflug aus dem Alltag, rein in das bunte Gewimmel des Festes der Jahrhunderte, dem Jidai-Matsuri.
Vor eintausendzweihundertzwölf Jahren, nach etlichen irdischen – buddhistische Scharmützel in der Hauptstadt Nara – und überirrdischen – Erdbeben und Ermordung des Architekten in der Interimshauptstadt – Zaunpfahlwinken, fand Kaiser Kammu zu seiner idealen Ebene und gründete die neue Hauptstadt Kyoto. Die bösen, feng-shuistischen Geister des Nordens wurden durch eine Bergkette ferngehalten und um ganz sicher zu gehen, errichtete man noch ein paar Bergtempel; so auch den Tempel Enryaku auf dem Berg Hiei (Teil des Weltkulturerbes). Im Osten und Westen strömte klares Wasser in die Ebene, die sich weit nach Süden erstreckte. So oder so ähnlich begann das Zeitalter des Friedens (Heian-Jidai), das über vier Jahrhunderte währte.
Mehr als tausend Jahre später (1895) wurde den Bewohnern Kyotos ein Butterbrot gegönnt und der Schrein Heian errichtet, der an die Gründung Kyotos erinnern und den Verlust des Hauptstadtstatusses etwas kompensieren sollte. Hauptstadt war ja seit 1868 Tokyo. Jedes Jahr zum 22. Oktober, wenn sich der Geburtstag nähert und der Schmerz am grössten ist, wird das Jidai-Matsuri gefeiert. Dann wälzt sich ein Koloss von ca. 3000 Kostümierten zeitlich durch die Jahrhunderte und räumlich vom Kaiserpalast bis hin zum Heian-Schrein. Das Spektakel zieht ca. 1 Million Touristen an und konfrontiert die Hotelbranche mit ernsthaften logistischen Problemen. Aber was kann es schon für Schwierigkeiten an einem sonnigen Tag mit gutgelaunten Menschen geben?
Liste der Fotos mit versuchter Zuordnung zu den historischen Personen:

1. Kudara Omyoshin: Chefin (rechts) der kaiserlichen Hausverwaltung am Hof vom Gründungskaiser Kammu mit einer Mitarbeiterin (links).

2. Tomoe-Gozen: legendäre Samurai aus den Genpei-Kriegen (um 1180), nachzulesen auch in den “Erzählungen von den Heike“. Es heisst mit ihrem Bogen und Schwert konnte sie auch Götter und Dämonen herausfordern.

3. Unbekannter Bogenschütze

4. Mitstreiter aus dem Trupp um Kusanoki Masahige: aus der Zeit der streitenden Reiche (Sengoku) im 16. Jahrhundert

5. Frauen aus Katsura (Katuramei): kamen aus dem Westen Kyotos, um Süsswasserfisch zu verkaufen. Spielen auch eine kollektive Rolle im Manga “Prinzessin Mononoke”.

6. Oda Nobunaga: einer der drei groß Einiger des Landes. Errang Vormacht durch die Einführung von Gewehren. Läutete das Ende der Zeit der streitenden Reiche (um 1570) ein.

7. Gefolgsleute von Nobunaga: auf den Gewändern sieht man Familienwappen, die die Klanzugehöhrigkeit definieren.

8. Samurai der Edo-Zeit: Kriegerfähigkeiten waren wegen der ruhigen Zeiten weniger gefordert, vielmehr qualifizierte Business-Administration-Abschlüsse.

9. Unbekannte Hofdame zeitloser Schöhnheit: wir sind uns mit der Einordnung unsicher, die Haartracht lässt aber frühe Heian-Zeit vermuten.

S-Bahn Bingo

Es gibt ja da dieses Spiel, Bingo. Wenn man alle Zahlen in einer Reihe, Spalte oder Diagonale ankreuzen kann, gewinnt man.
Das kann man auch mit Bildchen spielen. Trifft man die Situationen reihig, spaltig oder diagonal in einem japanischen Nahverkehrszug, heisst es “Bingo!”. Es ist abfotografiert aus “Japanzine”, einem kostenlosen Infoblatt über dies und das und vor allem über Kulturtermine …
Was zeigen die Karrikaturen und was haben wir dazu zu sagen?

1. Der Biersäufer: Kommt schon vor. Betrunkenen räumt man wie Kindern Narrenfreiheit ein. Sie können ja quasi naturgemäß ihr Gesicht nur beschränkt waren.

2. Rumhängende Softporno-Werbung: Ja und noch nicht mal selten.

3. In der Tür gefangen: Mhm, noch nie bemerkt. Aber die Warnung davor ist Teil der Standardansage im Zug.

4. Breitarschsitzer: Vielleicht eher in Kanto anzutreffende Spezies??

5. Selbstmordverzögerung: Können wir erfreulicherweise weder als alltäglich noch anders bestätigen. Ein Japaner meinte mal zu uns, vor den Zug springen, wäre keine gute Wahl: die Lebensversicherungen hätten ihre Regeln geändert und würden nicht mehr zahlen. Ausserdem würde man auf diese Art sehr vielen Leuten “Unannehmlichkeiten” bereiten.

6. Kurzrockalarm: So aus der subjektiven Wahrnehmung heraus: im Vergleich zu unserem Japanaufenthalt 2002/2003 sieht man eigentlich kaum noch extra im Bund hochgerollte Röcke. Diese Masche scheint wohl vorbei? Mal nachfragen.

7. Grabscher: Kennen wir nur vom Hörensagen. Soll aber einer der entscheidenden Gründe gewesen sein, dass zu bestimmten Zeiten “Frauenwagen” fahren.

8 . Im-Stehen-Schläfer: Ja! Unglaublich – aber das muss wohl gehen. Überhaupt kann man mal gefahrlos pauschalisieren: Japaner sind darauf natürlich geeicht oder erfolgreich trainiert, immer und überall quasi instantan wegnicken zu können.

9. Ein ganzer Sporttrupp: Hihi! Kann schon vorkommen. Solche Sporttrupps zeichnen sich durch deutlich eingeschränkte Fähigkeiten in Bezug “Wahrnehmung der sozialen Umwelt” aus. (Zum Beispiel, morgendliche Ertüchtigung mit Armeerufen auf dem Zeltplatz).

10. Schminkköniginnen: Eines der unfassbaren Dinge im Land der gelebten Privatheit! Vor 4 Jahren waren es eher die Teenies. Damals hiess es, kommt aus Amerika, ist also cool. (Ein schönes Beispiel dafür, wie sich totaler Quatsch als kollektive Wahrheit etablieren kann). Inzwischen sind es sogar Damen um die 50, die sofort nach dem Einsteigen ihr ganzes Bad auspacken. Wimpernverbiegerzangen und Ondulierstab haben wir auch schon im Einsatz gesehen.

11. Sauerstoffmangel: Ja, durchaus, durchaus. Viel unangenehmer ist das penetrante Nasehochziehen. Schnauben gilt hier ja als eklig. Zum Massenandrang ist noch hinzuzufügen: es gibt Berufsquetscher (Personal, das zu Stosszeiten die Leute reindrückt) und der Vorteil von “Gleichverteilung” hat sich noch nicht rumgesprochen.

12. Sitzwechsler: Nie bemerkt! Mal beobachten.

13. Gebrochene Herzen: haben wir nur einmal in der Mensa gesehen. Er – tränenüberströmt und still, sie – rational auf ihn einredend. Aber das ist wohl nichts japanisch typisches.

14. LV abhängig: hässliche Taschen, auf denen LV draufsteht sieht man wirklich ständig. Wir haben den Japanzine-Artikel zum Anlass genommen, mal das Internet zu befragen. Vermutlich handelt es sich bei diesen Teilen um Taschen des Luxus-Leder-Designers Louis Vuitton. Aber wir sind echt überfragt, was dieses Thema angeht.

15. Handy-Nerver: Dieses Thema betrifft auch einen Teil der Standarddurchsage im Zug: Handy ausschalten und auch spielen ist nicht erlaubt, insbesondere in der Nähe von Sondersitzen für Kranke, Ältere, Schwangere … Aber Regeln sind relativ in Japan. Vermutlich teilt man das Gehirn: der Gewissensanteil fühlt sich ehrlich schlecht und der andere Anteil bricht die Regel. Zum Thema Regelflexibilität schreiben wir nochmal was.

16. Edo-zeitlicher Mitfahrer: Haha! Ob damit einfach die gemeint sind, die noch in Holzschuhen und Kimono rumlaufen? Mal unter unseren Bekannten rumfragen …

Erweiterungsvorschlag:
Mittelalterliche Sitzplatzkämpferin: diese Kriegskaste hat das Überlebenskonzept des Futterneides auf das Konzept des Bequemlichkeitsneides erweitert. Es würde nicht verwundern, wenn Sie einen wackligen Rentner, eine schwangere Frau oder einen abgekämpften Werktätigen wegschubsen würden.