Archiv für den Monat: Februar 2007

Von Klingonenschlachten und anderen Prüfungen

Seit Sonntag ist es auch offiziell: der Frühling ist wieder da. Das liegt nicht an den in diesem Jahr auch in Japan zu hohen Wintertemperaturen, sondern schlicht an einer Festlegung. Auf der Hälfte der Strecke zwischen kalendarischem Winterbeginn (21.12.) und Frühlingsbeginn (21.3.) liegt der Feiertag Setsubun (Zwischen-den-Jahreszeiten). Das war am letzten Sonnabend und seit Sonntag ist nun Frühling. Zu Setsubun gab es ziemlich Action.
Wir sind dafür bei wolkenlosem Himmel und ca. 14 Grad windloser Wärme in die alte Hauptstadt Nara gefahren. Dort absolvierten wir ein straffes Event-Programm. Nachdem wir Horatio, einen rumänischen Ingenieur, und Hide, unseren japanischen Veteran und mittellosen Diamant-Physiker, am Bahnhof eingepackt hatten, zwitscherten wir ab in Richtung Gango-Tempel, dem vermutlich ältesten Tempel Japans. Gegen 13 Uhr begann die Frühlingszeremonie mit dem Einmarsch von Yamabushi (Bergkriegermönchen), die in riesige Südseemuscheln tröteten. Es gibt auch einen deutschen Namen für dieses Instrument: das Tritonshorn. Allerdings sind die Südseemuscheln tatsächlich japanischer Herkunft und im Gegensatz zu gewöhnlichen können die japanischen drei Töne produzieren. Wie – das wird seit Jahrhunderten geheimgehalten. Nach ein paar Schaukampfeinlagen von Schwert- und Stockkampfmeistern passierte das eigentliche: ein riesige Feuer wurde entzündet und gespendete Holztäfelchen wurden verbrannt. Dann wurde das Feuer vorbereitet für Hiwatari, das Überqueren des Feuers – natürlich barfuß. Der Andrang war riesig: Jung und Alt kletterte laufbandgleich über die heissen Bohlen. Dannach ging es gleich weiter zum Sojabohnenwerfen. Das ist kein Teilwettbewerb aus einer alternativen Olympiade, sondern es handelt sich um einen alten Brauch. Trockene Sojabohnen – schmecken nussig – werden in die Menge geworfen und wer welche fängt, erhascht sich eine Portion Glück. Allerdings kann man diese Aktion getrost als Wettbewerb beschreiben, denn die sonst so höflichen und zurückhaltenden Japaner entpuppten sich als schubsende und kratzende Gangsterbande. Hide und Horatio waren mit dem Fangen erfolgreich und mir gelangen ein paar gute Fotos. Dieses Sojabohnenwerfen wird übrigens in vielen Tempeln in ganz Japan abgehalten, wobei die Attraktivität noch durch werfende Prominente gesteigert wird. Zu viert haben wir dann die Bohnen gefuttert, sind aber nicht wirklich satt geworden. Also sind wir in eine Okonomiyaki-Kaschemme und haben eine preiswerte, enorm leckere japanische Pizza gemampft.
Aber das Touri-Programm war ja straff, also weiter zum Kasuga-Schrein. Den kannten wir schon, aber noch nicht im Dunkeln mit hunderten angezündeten Laternen im dichten Zedernwald. In dieser sehr feierlichen Stimmung trafen wir Vathi, einen Physik-Studenten aus der Türkei mit drei anderen türkischen Freunden. Es entwickelten sich interessante Gespräche unter anderem über japanische Ästhetik – einer schrieb an einer Philosophie-Doktorarbeit zu diesem Thema. Gemeinsam pilgerten wir dann zum Kofuku-Tempel, wo dann die Klingonenschlacht stattfand. Teufel in Klingonenkostümen – vermutlich ist es andersrum und die Klingonen haben ihre Kleidung den japanischen Teufeln geklaut – rannten mit Äxten und Knüppeln durch die Gegend, prügelten sich oder erschreckten das Publikum. Dann tauchte engelsgleich eine Figur mit lieblicher Maske auf, was ganz klar den Frühling symbolisierte. Kurz und glücklich: der Frühling gewann, die Teufel verschwanden und erneut konnten Sojabohnen geworfen werden. Da wir vom ersten Wurf-Event unsere Lehren gezogen hatten, verfolgten wir dieses nun aus sicherer Entfernung und genossen den Blick auf den wallenden Tempelkessel vor Vollmondkulisse.
Achja, was weitere Prüfungen angeht – nun, wir dürfen leider nicht nach Kambodscha, müssen aus finanziellen Gründen das erste Mal per Flug zurück nach Europa und ziehen wieder ein paar mal hier und dort hin. Wir hoffen aber, dass wir nach bislang 15 Umzügen seit Mai letzten Jahres (gerechnet ohne die Sommerurlaubszeit), ab April in Rostock eine Bleibe für ein paar Monate am Stück haben werden. Und: erfreulicherweise konnten wir unseren in Hongkong notwendigen Zwischenstopp auf 30 Stunden ausdehnen und so werden wir das chinesische Neujahr mitmachen. Jenny holt uns in Amsterdam ab und dann gehts direkt nach Münster in den Rosenmontagskatzenjammer oder ins Spektakel – je nach dem ob man nun Fan ist oder lieber das Weite sucht und stattdessen traditionelle Struwen isst. Think positiv!

Auf das das Jahr saugut werden möge!

Der Inoseyama – der Wildschweingipfel – ist wirklich kein imposanter Berg. Er ist mit 553 Metern eigentlich mickrig, bietet auf seinem Gipfel keinerlei Ausblick, der Weg hoch ist herausforderungsarm und strommastengesäumt. Aber da ist sein Name und der katapuliert ihn dieses Jahr in den Popularitätshimmel.
Folgerichtig quetschten sich einige Wandertrupps oben auf dem ausichtslosen Kamm, um zu picknicken. Wir waren wieder mit dem Kansai Hiking Club unterwegs und absolvierten so unseren Hatsu-Hike, also die erste Wanderung im Neuen Jahr. Und das ist eine Neujahrstradition. Es gibt noch etliche andere Hatsu-traditionen, wie den ersten Sonnenaufgang anschauen, einen Schrein besuchen, ein heisses Bad nehmen und ganz wichtig, den Neujahrstraum analysieren. Seit irgendein Shogun irgendwann einmal vom Berg Fuji, einem Habicht und einer Aubergine träumte, gilt es
als glückverheissend, es ihm gleich zu tun. So entstehen eben Glückssymbole.
Wandert man in Japan, ist man immer wieder erstaunt, wie schnell man dort landet, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Bei uns hatten Fuchs und Hase die Gestalt von einer Affenhorde und einer Bärenfalle, in der zum Glück noch kein Bär Gute Nacht gesagt hatte. Wir wünschten uns das obligatorische “Otsukare sama deshita” – Sie werden sicherlich müde sein – nach vollbrachter Wanderung und anschliessendem gemeinsamen Barbesuch.