Archiv für den Monat: April 2012

Sex sells: POPOs in San Francisco

Eines der best gehüteten Geheimnisse von San Franciscos sind seine POPOS. Ja, richtig gelesen. Dabei sind die Eigentümer, meist Grossbanken und Finanzkonzerne, verpflichtet, auf die POPOS hinzuweisen. Doch an vielen der Glaspaläste zeigt gerade mal eine kleine Messingtafel an, dass es hier privately owned public open spaces (POPOS), also öffentliche Räume im Privatbesitz, gibt. 68 von ihnen sind über den ganzen Finanzdistrikt verteilt, also genau dort, wo man hoch und noch höher hinaus will. Obwohl diese Institute sich manchmal karitativ geben, haben sie diese Oasen für dich und mich nicht freiwillig angelegt, sondern sind dazu durch Bauverordnung gezwungen worden.

„Something new, something old, and something public“, (etwas neues, etwas altes und etwas für die Öffentlichkeit) so werden die Vorschriften zum Bau von Hochhäusern in der Innenstadt San Franciscos gern umrissen. Mit dem Neuen sind die Bauherren natürlich schnell bei der Hand. Im Erhalten alter Bausubstanz beschränkt man sich gern auf ein kleines Stück Fassade vom Vorgängerbau. Nur beim Nutzen für die Öffentlichkeit gibt es strenge Vorgaben: 1 qm öffentlicher Fläche ist für 50 qm Nutzfläche zu schaffen. Meist wird der POPO als Grünfläche angelegt, manchmal mit Bänken, manchmal mit Bistrostühlen und kleiner Cafe-Ecke, manchmal mit ständig wechselnder Bepfanzung oder auch völlig vernachlässig mit immergrünen
Bodendeckern. Und zu den Öffnungszeiten der Banken hat dann jeder das Recht, diese POPOS auch zu nutzen. Wenn man sie denn findet, denn bei einigen, wie dem Gebäude 343 Sansome St., muss man in den 15 Stock zur Sonnenterrasse hoch.

Da ist es gut, wenn man eine kundige Führung hat. Und so haben wir uns die Gelegenheit nicht entgehen lassen, und eine Stadtführung gemacht, die zwei Stunden entlang kleiner Gassen durch das Gewirr der Hochhäuser führte und neben den POPOS natürlich auf viel über Banken, Architektur und Geschichte
San Franciscos erzählte. Es war eine fantastische Stadtführung. Man sieht nicht nur schön bepflanzte Gärten sondern auch eine Reihe prachtvoller Kathedralen des Geldes. Nebenbei gelangt man dann auch mal in die Keller einiger Banken, wo dicke Tresortüren zu bestaunen sind.

Eines dieser Prachtbauten ist das Hunter-Dulin-Haus, auch als 111 Sutter Street bekannt. Architektonisch eine Mischung aus französischen Schloss und Hochhaus mit Portalen wie bei gotischen Kathedralen, wurde es vom gleichen Architektenteam entworfen, die auch das Waldorf-Astoria in New York schufen. Bemalte Decken, Aufzuguhren, aufwendig gestaltete Briefkästen und eine grosse in den Fussboden eingelassene Uhr zählen zu den Schmuckstücken der Inneneinrichtung. Vergoldene Eichhörnchen in der Fassadengestaltung wollen einem sagen: Wenn du fleissig sparst, sorgst du vor für schlechte Zeiten. Das Gebäude nach übrigens neben einer monetären Geschichte auch drei weitere historische Nutzer: das Rundfunkstudio von NBC in den 1920iger, das West-Hauptquartier des FBI-Chefs J. Edgar Hoover und als Filmkulisse fÜr das Büro von Sam Spade in „Der Malteser Falke“.

Natürlich gibt es auch einige interessante Geschichten zu den Bankiers der Stadt. Wir erfahren, dass A.P. Giannini es direkt nach den grossen Erdbeben 1906 geschafft haben soll, den Inhalt seines Tresors aus der Stadt zu schaffen. Bei dem dreitätigen Feuer, dass die Stadt nach dem Beben größtenteils
zerstörte, wurden viele Tresortüren dann dermaßen verzogen, dass die Banken nicht mehr an ihr Geld kamen. Nur Herr Giannini konnte dringend benötigte Kredite gewähren. Die Einlagen bestanden seinerzeit übrigens noch aus Goldbarren. Erst nach 1913 setzte sich Papiergeld zunehmend durch. Für Giannini hat es sich gelohnt, seine Bank of Italy entwickelte sich prächtig, wurde später in Bank of America umbenannt und ist heute eines der führenden Bankhäuser der USA.

Sehenswert ist ein POPO zu Füssen der Transamerica-Pyramide, wo mal eine ortstypischen Hain aus Redwood-Bäumen angepflanzt hat. Das Sternenmädchen im Palmengarten des Citigroup-Hauses stammt von der Panama Pacific Ausstellung 1915. Vieles muss man mit eigenen Augen sich ansehen, den Banken sind notorisch kleinlich, wenn es ums Fotografieren geht. Wer bei seinem nächsten Besuch in San Francisco selbst einen Rundgang machem möchte, hier www.spur.org/files/u7/POPOSGuide.pdf findet sich ein Faltblatt mit Karte. Oder vielleicht gleich die Stadtführung machen. Es war sehr unterhaltsam.

If you are going in San Francisco – Gut zu Fuß in SF

Auf den Hund gekommen

Wir ziehen früh am Morgen los, die Fahrkarten für den Greyhound nach San Francisco abzuholen. Die Buchung per Internet spart 20 Dollar, aber man muss eine Stunde vorher losrotteln. Das Stadtzentrum von Fresno wirkt bemüht: es gibt eine Fussgängerpassage, etwas Kunst und viele noch geschlossene Geschäfte. Wir kommen an der Einwanderungsbehörde vorbei, die Leute müssen bei Wind und Wetter anstehen, um ins gelobte Land zu kommen. Dabei scheint der Lack ab. Oder sind wir inzwischen von Anblick ostdeutscher Schnuckelstädtchen zu doll gepampert? Tatsächlich sehen wir viele leere Geschäfte, Leute ohne Dach über dem Kopf – wir werden oft auf Kleingeld angesprochen.

Unserer Beobachtung nach teilen sich die USA mindesten ins 4 Klassen: Leute, die sich alles leisten können, Leute, die zur relative gut gesättigten Mittelschicht gehören und niemals Greyhound fahren würden, Leute, die Greyhound fahren müssen und Leute, die selbst den Greyhound nicht bezahlen können. Nicht, dass das sehr preisgünstig wäre – für die gesamte Strecke von Barstow nach San Franciso berappen wir etwas mehr als 100 Dollar. Wenn man durch das Land fährt, fallen noch mehr Dinge auf. Gemessen an der Größe des Landes, sind die Wohnhäuser rechts und links der Autobahn eng aneinander gebaut. Die zugehörigen Minigärten bergen Mengen an Gerümpel: alte Reifen, verrostete Maschinenteile und der gleichen. Ehrlich gesagt, sieht es in Sibirien entlang der Transsib auch nicht anders aus. Nur, dass man es dort als normal empfindet.

Als wir die Berge am anderen Ende des San-Joaquin-Tals erreichen, wird die Gegend wieder wohlhabender – wir kommen in die Vororte von San Francisco. Hier liegen Silicon Valley und Stanford, hier gibt es Mehrwert. San Francisco begrüßt uns im Sonnenschein. Wir wandern 10 Straßenblöcke bis zu unserem umweltfreundlichen Gut-Hotel mit Fahrradverleih zum Kohlendioxidausgleich. Wer sagt eigentlich, dass Japan das Land der Gegensätze sei?

Casa del Desierto

Casa del Desierto und Strawberry fields forever

Wir sitzen im Greyhound von Barstow nach Bakersfield. Allmählich lassen wir die Wüste hinter uns und in der Ferne taucht die erste Bergkette auf, die Mojawe-Wüste und San-Joaquin-Tal trennen. Es hat nämlich nicht geklappt – ohne Auto sind wir nicht von Barstow weggekommen. Eigentlich wollten wir ja ein paar Tage in den Joshua-Tree National Park, genauer in das Cottonwood-Tal, um die Wüste blühen zu sehen. Der Southwest Chief war gegen 5 Uhr mit etwa einer Stunde Verspätung in Barstow angekommen. Außer uns stieg niemand aus. Es ist dunkel, aber das Bahnhofsgebäude sieht vielversprechend aus. Es nennt sich ‚Casa del Desierto‘ – Haus der Wüste. Frisch gekalkt und restauriert erinnert es an mondäne Südstaatenvillen mit Säulen und Veranda. Doch alles ist zu, niemand da. Wir laufen eine Runde um das Gebäude und werden auch nicht schlauer. Ein Museum der Route 66, ein weiteres für alte Züge – aber alles öffnet erst in Stunden. Es gibt keine Bushaltestelle, kein Taxi – selbst der Interstate schläft noch. Wir setzen uns vor den Eingang zum Bahnhof und warten. Plötzlich schließt jemand die Tür auf, ein Sicherheitsbeamter macht seinen Rundgang. Wir fragen nach dem Weg ins Zentrum und der Mann guckt uns an als seien wir kühne Marsmännchen. Im Prinzip geht es über die Brücke, aber es sei ein Ghetto. Wir fragen, ob wir hier denn sicher wären. Er meint, dass wir immerhin zu zweit wären. Na toll. Es ist stockdunkel und wir sitzen Scheinwerferlicht, wissen nix und warten. Gegen 5.45 Uhr plötzlich ein Heidenlärm – die Vögel werden wach und zwitschern. Es kann also nicht mehr lange dauern mit dem Sonnenaufgang. Um 6 Uhr ist die erste Dämmerung zu erkennen und dann kann man beim Hellwerden zusehen und hören: auf dem Bahnhof werden Güter rangiert, auf dem Interstate werden es mehr Autos und die Vögel sind unterwegs. Je heller es wird, umso zuversichtlicher werden wir. Um 8.30 Uhr öffnet der Bahnhof.

Dieser ist inzwischen ein Museum und ein Besucherzentrum. Das Gebäude ist eines der wenigen noch erhaltenen Harvey-Hotels, die früher längs der Eisenbahnstrecke von Chicago nach Los Angeles existierten. Sie versorgten die Weiterreisenden auch mit Essen, denn Speisewagen wurden erst viel später an die Züge angehängt. Wer einmal dort als Bedienung gearbeitet hatte, hatte wohl gute Heiratschancen. Denn wie wir in alten Dokumenten lasen, haben gleich 5000 Frauen über ihre Arbeit ihren Mann kennengelernt. Nun, kann sich jeder selbst einen Reim drauf machen. Es gibt auch eine englische Wiki-Seite über die Geschichte der Häuser: Link.

Im Besucherzentrum müssen wir auch feststellen, dass kein Weg in die Wüste führt, abgesehen von einem unerschwinglichen Taxi. Zum Trampen wir zu feige. Das war auch gut, wie sich später herausstellt. Wir müssen nun zum Greyhound, der Station des Überlandbuses – der nächste Zug kommt erst in 20 Stunden und müsste eh reserviert werden. Die Haltestelle vom grauen Hund liegt über die Brücke, einmal quer durch den Ort. Der Mitarbeiter hat uns einen Flyer gegeben, in dem alle Murals, also Wandbilder, im Ort eingezeichnet sind. Sieht nett aus. Wir marschieren los. Der Ort wirkt verschlafen, lebt wahrscheinlich nur davon, dass die legendäre Route 66 hindurch führt. Ein Polizeiwagen heult auf, während wir quer über die Straße zu einem Wandbild laufen. Weit kommen wir nicht, denn der Polizist ist aufgebracht und die Leute, die er angehalten hatte auch. Sie fordern ihn auf, uns auch einen Strafzettel zu verpassen. Doch wir sind im Grünstreifen gefangen und warten auf Anweisung. Der Polizist schickt uns hundert Meter zurück, um dort die Ampel zu überqueren. Wir beschließen, das Wandbild nicht zu fotografieren und gehen weiter. Die Geschäfte wirken trostlos, was nicht nur an der Wüstengegend liegt. Als wir an einer Bank vorbeikommen, beschließen wir Geld abzuheben. Tuen das auch nur, weil ein Sicherheitsbeamter davor steht. Immerhin sollen wir im Ghetto sein, worauf wir den Beamten auch ansprechen. Er stimmt uns zu und sagt, dass wir gut aufpassen sollen. Wie gruselig. Dann sind wir wortwörtlich über den Berg. Denn als wir den kleinen Hügel passiert haben, wirkt die Gegend plötzlich normal. Es gibt die üblichen Fastfoodketten und ordentlich aussehende Motels. Tatsächlich sind wir erleichtert und gehen erstmal frühstücken in Coco’s Bäckerei. Für 11 Dollar speisen wir fürstlich: Haferflocken mit Heidelbeeren und Nüssen, Orangensaft, Kaffee und Toast. Internet gibt es auch, damit haben wir wieder Zugang zu Informationen.

Seit einer Stunde sitzen wir nun im Greyhound, wollen noch bis Fresno mit Umsteigen in Bakersfield. Als wir die Bergkette passieren, ist alles grün. Flaches Land soweit das Auge blickt und jeder Flecken ist Agrarland. Hier gibt es aber keine Bauern sondern Agro-Unternehmer, denn die Felder sind riesig: kilometerlange Plantagen, sortenrein, Walnüsse, Aprikosen, Mandeln, Äpfel und Erdbeeren. Immer wieder auch Alfalfa-Felder, die Verarbeitungsanlagen stehen auch gleich um die Ecke. Das brauchen sie vor allem als Futtermittel, denn die Fastfoodketten wollen mit Rind und Schwein versorgt sein. An den Massenställen kommt man auch vorbei auf der Autobahn. Da ist nix mit glücklichen Kühen. Sie stampfen eingeengt im Schlamm und darüber gibt es ein Blechdach. Guten Hunger! Den haben wir auch, als wir in Bakersfield ankommen. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt bis es weiter geht, also erkunden wir die Stadt ein wenig. Sie macht einen netten, studentischen Eindruck. Es gibt Cafes und Restaurants, Fahrradwege, Galerien usw. Wir finden eine Kette, die asiatische Nudelsuppen anbietet. Die sind vegetarisch und lecker. Wir sind wohl wieder im Urlaub. Mit ziemlich Verspätung kommen wir dann abends in Fresno an. Das liegt zentral in dem großen San-Joaquin-Tal und hat ein Downtown mit höheren Gebäuden. Wir finden in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel und haben Glück, denn es ist noch ein behindertengerechtes Zimmer frei. Achja, Joshua-Bäume und Yucca-Wälder haben wir doch noch gesehen, denn wir haben die Täler mit dem Bus durchquert.

Unterwegs mit dem Häuptling des Südwestens

„Entspannen Sie sich, lehnen Sie sich zurück, lassen Sie sie Loks für sich arbeiten (let the rails do the work)“. Die Begrüssungsdurchsage des Zugchefs passt zur frohen Erwartung, mit der wir unsere Reise an Bord des Southwest Chiefs von Chicago nach Barstow in Kalifornien beginnen. Der Zug wird immerhin acht Bundesstaaten – Illinois, Iowa, Missouri, Kansas, Colorado, New Mexiko, Arizona und Kalifornien – durchqueren und für die mehr als 3600 km rund 36 Stunden brauchen. Zwei Loks ziehen dabei einige Schlaf- und Abteilwagen, den Speisewagen, einen Gepäckwagen und den vollverglasten Aussichtswagen. Mit ihren jeweils 800 kW sind sie jedoch Leichtgewichte verglichen mit den Frachtschiffen. Der Aussichtswagen wäre eine echte Bereicherung für deutsche Züge. Man sitzt längs zu den Fenstern und hat so einen grandiosen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft.

Gleich in der Begrüßungsansage bekommen wir einige amerikanische Besonderheiten mit. Wir fahren an einem Sonntag im Bundesstaat Illinois ab und dort ist der Kauf und öffentliche Konsum von Alkohol am Sonntag verboten. So dass nur die Schlafwagenpassagiere in ihren privaten Kabinen sich ein Gläschen genehmigen dürfen. Auch im Cafewagen gibt es vorerst kein Bier zu kaufen, aber der Cafe-Mitarbeiter weist gleich darauf hin, dass ja nach 3 Stunden der Mississippi kommt und damit die Staatsgrenze nach Iowa und einige leckere Biere im Angebot sind. Wir lassen uns verleiten und teilen uns dann abends eine Flasche Corona. Als wir dann am späten Abend nach Missouri wechseln, ändern sich die Gesetze nochmals und wird sind wieder beim Alkoholverbot. Inzwischen ist der Hinweis auf das Rauchverbot Usus – nur an speziellen Bahnhöfen mit etwas längeren Halten kann auf den Bahnsteig geraucht werden. Was uns zum Schmuzeln bringt, ist der Hinweis: „No shoes, no service“. Offensichlich kommt es häufig vor, dass Reisende mit Socken oder barfuß im Zug unterwegs sind. Eine weitere wichtige Information sind natürlich die Regularien zur Zeitumstellung. Wir starten mit der Central time in Chicago, fahren am nächsten Tag größtenteils in der Mountaintime, und enden in Kalifornien in der Pacific time. Mit der Besonderheit, das wir faktisch schon in Arizona die gleiche Zeit wie in Kalifornien haben werden, da der Bundesstaat sich aus der Sommerzeitregelung ausgeklinkt hat.

Für Unterhaltung an Bord ist gesorgt. Neben den Gesprächen mit Mitreisenden gibt es viele Durchsagen. Mehrfach wird man auf den Frühstücks-, Mittagessen-und Abendbrot-Service hingewiesen. Wobei Abendbrot nur auf Reservierung möglich ist und dazu ein Mitarbieter durch den Zug läuft, um Termine zu vereinbaren. Besonders häufig sind die Durchsagen des Cafe-Stewards. Er würzt jede Ansage mit Ironie: ‚Ich kann es selbst kaum glauben, aber das Cafe ist heute bereits seit 5.30 Uhr geöffnet‘ oder ‚Beachten Sie, dass wir in eine neue Zeitzone kommen. Wenn ihr Handy das nicht von alleine merkt, sollten sie vielleicht den Anbieter wechseln‘, ‚Albuquerque ist noch 40 Minuten entfernt, aber ich dachte, ich kündige das jetzt schon mal an, dann können Sie Ihren Tag besser planen.‘, ‚Aufgrund von Umständen, für die ich nichts kann, ist das Cafe jetzt wieder geöffnet.‘ Und bei einem Ort in der Pampa mit berühmten Namensvetter nennt er die zwei Sehenswürdigkeiten, eine Kirche und ein Hotel, und hängt dann an: ‚Nun wissen Sie alles über Las Vegas, NM, was ich auch weiss.‘

Die Landschaft wandelt sich fast stündlich. Das liegt auch daran, dass wir den größten Teil des mittleren Westens in der Nacht durchqueren, so dass uns die Maisfelder erspart bleiben. Ein Höhepunkt am ersten Abend ist die Überquerung des Mississippi. Schon hier ist der ‚Old Man River‘ ein breiter Strom, obwohl wir weit oberhalb des Zuflusses von Missouri, Arkansas und Ohio sind. Auf einer langen Brücke rattert unser Zug über das Wasser und man denkt unweigerlich an Tom Sawyer und an Schaufelraddampfer. Am nächsten Tag erahnen wir schon die Nähe der Rocky Mountains, schneebedeckt zeichnen sich die mehr als 4000 m hohen Gipfel am Horizont ab. Die Gegend wird zunehmend karger. Waren es vorher noch Kühe auf den weiten Graslandschaften von Kansas – wir haben sogar einen klassischen Cowboy gesehen – sieht man nun tief eingeschnittene, aber ausgetrockene Flussläufe. Der Zug klettert langsam eine gigantische Hochebene herauf. Immerhin müssen wir bis zum 7588 Fuss hohen Raton-Tunnel. Die Loks haben gut zu tun, um diesen Anstieg zu bewältigen und statt der maximal möglichen 145 km/h fahren wir oft im Schritttempo. Noch gibt es Pappel und Kiefernbüsche. Unser Cafe-Steward hält uns über Chancen, Rehe, Füchse oder gar Bären zu sehen, auf dem Laufenden.

Ist man einmal durch den Tunnel, wird die Landschaft wüstenartig und man kann die ein oder andere Antilope erspähen. Das Örtchen Raton begrüsst uns passenderweise mit einem Bahnhof in Pueblo-Architektur. Winter wie Sommers erwacht das Örtchen aus seinem Dornrösschen-Schlaf. Im Winter sind es die Ski-Fahrer, im Sommer überfluten tausende junger Pfadfinder aus den USA den Ort. Sehenswert sind die alten Gebäude gleich hinter dem Bahnhof, etwa das ‚Golden rule and New York store‘. Die Bahnstrecke war Weg für Händler und Siedler und schon vor der Bahn als Santa Fe-Route viel bereist. Tradionellen Gefahren wie Durst und Klapperschlangen ist der moderne Reisende nicht mehr ausgesetzt.

Das Land ringsherum ist Komanchen- und Apachengebiet. Heute fällt das vom Zug besonders an zwei Dingen auf: Einerseits nimmt die Zahl an Andenkenläden längs der Strecke zu, andererseits sieht man häufig Kasinos. Insbesondere in der Umgebung von Albuquerque. Die Indianerreservate sind in den USA rechtlich so eigenständig wie die Bundesstaaten und so ist in vielen das Glücksspiel erlaubt, während es in der Umgebung verboten ist. Gutes Geld für Winnetous Brüder.

Bahnhof Jekaterinenburg

Von Philadelphia über Washington nach Chicago

Die Sensation ist: wir haben Internetanschluss und können per AMTRAK-Service verfolgen, wo unser Zug gerade unterwegs ist (siehe Schnappschuss). Das Netz funktioniert nicht schlecht, so kann Jenny eine Weile mit uns per Videokonferenz am mächtigen Fluss Delaware vorbeifahren. Aber diesen Superdooper-Service gibt es noch nicht überall – bislang scheint das nur im acela Express zu gehen.

Abgesehen von diesen technischen Spirenzchen zweifeln wir, ob wir nicht falsch abgebogen und gaaaanz weit nach Osten gefahren sind. Ganz ehrlich: russische und amerikanische Bahnhöfe nehmen sich in ihrer Wuchtigkeit gar nichts und wenn dann Passagiere noch russisch sprechen …

Einen echten Unterschied gibt es aber doch: wie vor 12 Jahren ist an unserem Schaffner ein Showmaster verloren gegangen. Er warnt davor, nur in Socken aufs Klo zu gehen und endet jede Ansage mit einem selbst erfundenen Liedchen ‚Potatoes, potatoes‘. Für die, die mit Pittplatsch durchs Jahr gesungen sind, frei übersetzt mit: Kartöffelchen, Kartoffelchen, Kartöffelchen. Als wir heute früh in Chicago am Bahnhof ankommen, verabschiedet er alle mit: Chicago Union Station. It is our final stop. All out of the pool. Chicago Union Bahnhof. Unsere Endstation. Alle bitte raus aus dem Swimmingpool.

Bahnhof Philadelphia

Bahnhof Philadelphia

Moskau ist immer um die Ecke, selbst im Bahnhof von Philadelphia.

In Brownsmills beim Friseur

Browns Mills ist eine kleine Siedlung im Bundesstaat New Jersey. Es sind 40 Meilen bis Philadelphia, 30 bis Stanford. Die Gegend ist geprägt durch Bungealow-Siedlungen und ein paar Städtchen, die schöne, alte Holzhäuser haben. Wir besuchen hier einen Onkel, bevor es weitergeht in Richtung Kalifornien. Unterwegs fallen uns immer wieder tote Bäume auf, die asiatische Zigeunermotte (oder Schwammspinner) treibt hier ihr Unwesen. Übrigens waren auf unseren Schiff auch Warnungen vor diesem Schädling angebracht, doch es ist wohl zu spät, ihre Einschleppung noch zu verhindern. Wer weiterlesen will: Wikilink zum Schwammspinner

August nutzt die Gelegenheit und lässt sich die Haare auf praktische Zugkürze schnippeln. Der Friseur meint, dass Obama keine Chance hat. Schaut man sich die Aushänge in seinem Laden mal genauer an, ist auch klar warum: hier arbeitet ein eingefleischter Republikaner. Überall hängen Urkunden und Fotos von Bush & Co.

Uriger Friseur in Browns-Mills

Uriger Friseur in Browns-Mills

New York, New York

Ja, wir sind angekommen. Und ja, wir sind mit dem Schiff an der Freiheitsstatue vorbei – so 2 Meilen vorher links eingebogen. Es war eine klasse Überfahrt und wir haben auch keine Brücke gerammt, haben extra die Antennen abgeschraubt. Das Problem bei der ganzen Sache: wir kommen einfach nicht hinterher, die vielen Fotos zu sichten, zu bearbeiten und die Eindrücke ins Web zu meißeln. Also gibt es einfach 2 lieblose Bildchen bis wieder Luft ist 🙂

New York ist in Sichtweite

New York ist in Sichtweite

Wir ziehen den Kopf ein, um durch die Brücke zu passen

Wir ziehen den Kopf ein, um durch die Brücke zu passen

Alle Wetter

Auch wenn die Zeiten kommerzieller Segelschiffe längst vorbei sind,
ist das Wetter auf See immer noch wichtig für die moderne
Schifffahrt. Nicht nur weil ein ordentlicher Sturm schon mal deutlich
längere Fahrzeiten bedeuten kann, schlechtes Wetter erschwert
Navigation und lässt Schiffsaufbauten schneller verrosten. Dabei
verhält sich das Schwanken des Schiffes umgekehrt proportional zum
Appetit von Passagieren und Besatzung. Insbesondere das berüchtigte
Rollen, eine Kombination von Vorwärts- und Rüchwärtsbewegung mit
Rechts- und Linkspendeln, kann sich fatal auf den Gleichgewichtssinn
auswirken. Gut, wenn man eine präzise Wettervorhersage hat, die einem
hilft, solchen Gefahren möglichst frühzeitig aus dem Weg zu gehen. In
Zeiten moderner Kommunikationsmittel kommt der Wetterbericht per
Radiosignal und wird gleich vom Simulationsprogramm des Bordrechners
weiterverarbeitet, um dann für den vorgesehenen Kurs Wellenhöhen,
Windverhältnisse, Temperaturen und Niederschlag zu prognostizieren.
Wobei die Wellenhöhe für uns natürlich die interessanteste Grösse war.

Aber natürlich verlässt man sich nicht auf die Wettermeldungen der
Agenturen, sondern beobachtet selbst das Wetter. Doppelt hält besser,
eine alte Seefahrtsregel. Zu den Routinemessungen an Bord zählen die
Aussentemperatur, der Luftdruck und der Taupunkt. Der Taupunkt wird
mit einem Gerät bestimmt, dass zwei Thermometer enthält: eines, dass
die Lufttemperatur und eines, dass die Verdunstungstemperatur
bestimmt. Am ungewöhnlichsten an diesem Messgerät ist sicherlich sein
Name: Schleuder-Psychrometer. Dabei weist das Schleudern darauf hin,
dass man die beiden Thermometer bei der Messung um einen Griff herum
rotieren lässt.

Die Windgeschwindigkeit wird zwar an Bord mit einem Propeller
gemessen, muss aber um den Fahrtwind korrigiert werden. Daher wir die
Windgeschwindigkeit meist aus der Form der Wellen in grosser
Entfernung vom Schiff geschätzt. Jeder Windstärke der Beauford-Skala
entspricht dabei ein bestimmter Seegang
http://www.segelkurse.com/segeln_docu/segeln_beaufort.htm. Auch
Niederschlag, Sichtverhältnisse, Wolkenbedeckung, Wellenhöhe und
Dünung werden bestimmt. Letzteres heißt auch Schwell und meint die
Wasserbewegung, die nicht direkt durch Wind und Wetter entstanden ist,
also das Standardschwappen der Meeresbadewanne. Ein Schiff ist also
eine kleine, bewegliche Wetterstation. Und es gibt sogar ein Plakette,
mit der sich der Deutsche Wetterdienst für jahrelange meteorologische
Messreihen bedankt.