Archiv für den Monat: Mai 2012

Bequem unterwegs mit der Deutschen Bahn

Für satte 100 Euro pro Nase fahren wir von München nach Hannover im völlig überfüllten Nachtzug. Wir haben noch Glück, denn wir dürfen mitfahren und werden nicht von der Polizei abgeführt, wie man uns androht. Denn obwohl es ein Zug mit Waggon ohne Reservierungspflicht ist, sind alle Plätze für Reservierungen vorgesehen und auf dem Gang stehen, ist ein Priveleg, dass Kriminellen wie uns nicht zusteht. Achja, und Schuld an der Verspätung sind wir Nicht-Reservierer (ca. 10 Personen) natürlich auch. Gute Nacht Deutsche Bahn! Viele Grüße von Deinen treuesten Kunden, die sofort eine Bahncard 100 weltweit kaufen würden, wenn das denn ginge.

Bequem unterwegs mit der DB

Die Insel San Giorgio Maggiore

In der Silberstadt

Der Zug ist pünktlich abends um 22 Uhr in Venedig. Wir lassen uns im Strom der Touristen zur nächsten Pizzeria treiben. Mit dem Hotel haben wir Glück. Wir finden in unmittelbarer Nähe vom Bahnhof ein fantastisches Zwei-Sterne-Hotel, inkl. Frühstück kostet uns die Übernachtung nur 95 Eur. Das ist ein Schnäppchen. Geschmackvoll restauriert und eingerichtet ist es auch noch, daher machen wir mal Werbung: http://www.venicehoteladriatico.com/de/

Wenn man durch Venedig spaziert oder mit dem Wasserbus, dem einzigen motorisierten Verkehrsmittel, durch die Kanäle fährt, fühlt man sich tatsächlich wie im Märchen. Jetzt wird klar, woher Michael Ende seine Ideen für die Silberstadt in der Unendlichen Geschichte hat. Das Wasser ist milchig-türkis, die Häuser mit hübschen Details versehen und nirgends stört hässlicher Autoverkehr. Fahrradfahrer gibt es übrigens auch nicht, es gäbe auch kein Durchkommen aus den vor Menschen überquillenden Straßen. Der Eindruck von der Stadt aus dem Fernsehen, etwa von Donna Leon oder der gleichen, täuscht stark. Denn man denkt, dass es nur hier und da ein paar Kanäle gibt, im Prinzip nicht viel anders als ein typischer Fluss, der eben durch eine Stadt fließt. Stattdessen ist die ganze Stadt tatsächlich von Kanälen durchschnitten und ein Rüberkommen ist oft nur per Schiffchen möglich. Erstaunlich, wie das organisatorisch so funktioniert. Immerhin müssen alle Waren transportiert werden. Brot, Wein, Gemüse, Waschmittel, alles, was in den Läden verkauft wird usw. Freiheit und Unabhängigkeit sind offenbar gutes Schmiermittel für reibungslose organisatorische Abläufe.

Die nächsten Tage verbringen wir hauptsächlich auf der Insel San Giorgio Maggiore, die direkt gegenüber vom Marcus-Platz liegt. Darauf gibt es ein altes Benediktinerkloster mit herrlichem Kreuzgang. Die Kirche ist übrigens das Alterswerk von Andrea Paladio, dem Architekten der Architekten.

Von Antwerpen nach Venedig

Schon früh um 6 Uhr können wir das Schiff verlassen und los gehts per Taxi zum Bahnhof von Antwerpen. Es ist einer der schönsten Bahnhöfe, eigentlich schon eine Kathedrale. Wir haben Glück, es gibt eine sehr gute Verbindung nach Venedig mit Umsteigen in Paris und Turin. Die TGV-Fahrt Paris-Turin gehört klar unter die Top-10 der idyllischsten europäischen Zugstrecken. Besonders das Stück an den südlichen Alpen von Chambery nach Turin ist sagenhaft: tiefe Täler, eisbedeckte Berge, reißende Wasserfälle und satte, maigrüne Wiesen.

Bahnhof Antwerpen

Bahnhof Antwerpen

Zwischenbilanz

Vorläufige Bilanz per Bild und Stichpunkten:

  • 20 von 50 Bundesstaaten durchquert
  • mehr als 7000 Meilen per Zug und Bus
  • nur eine Blase erlaufen
  • über 100 Stunden Zugfahrt, etwa 20 Stunden Greyhound-Bus
  • ca. 30 h akkumulierte Verspätung
  • Liste der Orte: Princton Campus und Moor, Downtown Mount Holly mit ältester erhaltener Feuerwehr der USA, Innenstadt Philadelphia und Chicago, Bahnhof und Downtown Barstow, Downtown Bakersfield und Fresno, San Francisco, Palo Alto, Campus Stanford University, Downtown Washington, Hafenstadt Wilmington
  • Liste der Museen: Barstow Harvey House, Museum für Jüdische Kunst der Gegenwart San Franciso, Museum für Asiatische Kunst San Francisco, Stadtführungen SF (Architektur, Popos, Straßenkunst), Kunstmuseum und Park der Stanford Universität, Smithonian Museum für Asiatische Kunst Washington, …
  • Lieblingsfrühstück: Pfannkuchen, Obstsalat und Haferflocken in Barstow
  • Lieblingsmittag: Obento in Japanischen Viertel in San Francisco
  • Lieblingsabendbrot: Koreanischer Tofutopf in San Francisco
  • Anzahl geklauter Bücher: 5, Anzahl neugekaufter Bücher: 7
USA Wegstrecke

USA Wegstrecke

Durchs Kap der Furcht

Wir stehen auf dem Hafengelände und haben ein Problem. Wir kommen nicht auf das Schiff, weil noch Verladearbeiten im Gange sind. 11.30 Uhr hatte uns der Agent als Einschiffungstermin genannt. Nun ist es 11.30 Uhr, aber es gibt keine Möglichkeit, zum Schiff zu kommen und so läuft das Taximeter munter weiter. Einfach auf dem Gelände stehen, dürften wir nicht, erklärt der Taxi-Fahrer. Derweilen können wir uns an der Anblick der Independent Accord gewöhnen, die nun für 11 Tage unser Zuhause sein wird. Mit 145 Metern und nur 1200 TEU Ladekapazität ist sie deutlich kleiner als das Frachtschiff, mit dem wir in die USA gefahren sind. Noch wissen wir nicht mal die Reederei, die das Schiff betreibt. Laut unserem Beförderungsvertrag ist eine Beteiligungsgesellschaft in Hamburg Eigentümer des Schiffs – ein gängiges Steuersparmodell. Außerdem ist das Schiff in Liberia gemeldet und hat Monrovia als Heimathafen.

Als wir an Bord gehen, gilt unser erster Blick der Mannschaftsübersicht: Die Offiziere sind zum größten Teil Kroaten und die Mannschaft kommt einheitlich von den Philippinen. Am Abend gehe wir zur Ausfahrt auf die Brücke. Ein einmaliges Erlebnis, denn es geht über drei Stunden durch ein idyllisches Flussdelta. Ungewöhnlich ist der Lotse an Bord. Die meisten Lotsen nehmen die Passagiere kaum wahr und nicken einem höchsten Mal zum Abschied zu. Dieser jedoch ist geradewegs redseelig und erzählt über Land und Leute. Über die vielen Krokodile zum Beispiel, die sich im Wasser tummeln. Ein Freund habe ein spezielle Lizenz, um Krokodil zu jagen und müsse immer wieder zu Notfalleinsätzen, wenn ein Krokodil sich im Swimmingpool eines Hauses wohler fühle als im Fluss. Wilmington sei tatsächlich ein Piratennest gewesen, man müsse nur mal auf die Karte schauen, um die ganzen Sandbänke zu sehen. Die Wilmington vorgelagerte Insel kennt übrigens wie Hiddensee keinen Autoverkehr, denn der Transport wird mit elektrobetriebenen Golf-Cars abgewickelt. Der Lotse fragt uns, ob wir nicht ein paar deutsche Biere empfehlen könnten? Er tausche mit den Kapitänen nämlich immer mal Bourbon-Whiskey gegen gutes Bier. Wir empfehlen allerlei lokale Biersorten wie Potts, Potsdamer Stange oder Eibauer. Derweilen ziehen Kohorten von Pelikanen über das Schiff hinweg und verschwinden im Sonnenuntergang. Schließlich erreichen wir die letzte Leuchtboje und der Lotse überlässt das Schiff ganz der Obhut des Kapitäns. Wieder liegen 11 Tage vor uns, diesmal ohne Internetverbindung, dafür in Küstennähe mit Satellitenfernsehen.

Südstaatenflair in Wilmington

Für Reisende ohne Auto und Flugzeug führt der Weg nach Wilmington nur per Überlandbus. Abends waren wir in Washington eingestiegen, um zunächst nach Richmond zu fahren. Nach drei Stunden Aufenthalt ging es von dort weiter, bis wir um 7.00 Uhr morgens dann in Wilmington, North Carolina ankamen. Dass wir mittlerweile in den Südstaaten waren, fiel uns gleich am Busbahnhof auf, denn die Bäume waren von Moosfäden, dem sog. spanischen Moss, überzogen, einem Schmarotzer, den wir schon aus Georgia kannten.

Die Stadt hat 100000 Einwohner und bietet einiges für Touristen. Die grösste Überraschung war, das Wilmington neben Hollywood der grösste Standort der amerikanischen Filmindustrie ist. Viele Filme und Fernsehsendungen wurden hier abgedreht. Durch den rechten Winkel beim Dreh wird dann aus einer Strasse in der Provinz eine belebte Meile in der Grossstadt. So ein säulenverziertes Gebäude, das zum Gerichtssaal in den Matlock-Filmen mutierte. Und Dennis Hopper hat viele Jahre in einem der Südstaaten-Häuschen des Stadtzentrums gewohnt.

In der Stadt ist überall Aufbruch zu spüren, ganz im Gegensatz zur Stimmung im restlichen Land. Auf einer Hafenrundfahrt sehen wir die Erweiterungsbauten für die Hafenmeile, die jetzt schon viele interessante Flecken zum Flanieren bietet. Auf der gegenüberliegenden Seite hat sich die Natur grosse Teile ehemaliger Werften und noch älterer Reisfelder zurückerorbert. Während des amerikanischen Bürgerkrieges war der Hafen ein wichtiger Stützpunkt der Südstaatenarmee. Mittlerweile bieten die überwucherten Flächen wieder Rückzugsmöglichkeiten für Pelikane und Krokodile. Mit etwas Glück sieht man auch Meeresschildkröten im Wasser, wie uns der Kapitän unseres Aussichtsbootes vorschwärmt. Glauben wir ihm mal.

Zurück an Land befällt uns beim Bummeln auf der Uferpromenade ein leicht mummliges Gefühl: Das Kap hier in der Nähe heißt ‚Cap fear‘ – ‚Kap der Angst‘ und die angebotenen Seekarten sind übersät von Schiffswracks, die die Sandbänke an der Flussmündung unterschätzt haben. Piraten haben mit falschen Signalen des Nachts noch zum Verderben beigetragen und auf den vorgelagerten Inseln soll noch ein alter Piratenschatz vergraben sein. Wär ja mal was für unsere arg gebeutelte Reisekasse.

Abends bestaunen wir die vielen hübschen Südstaatenhäuschen des gut erhaltenen Stadtzenturms, gönnen uns ein Joghurt-Eis mit besonders vielen Beilagen, das wir angemessen in Schaukelstühlen vor dem Laden vernaschen. Dann probieren wir ein paar Biere in einer lokalen Kleinbauerei, klassisch mit Fernseher über der Theke, um nebenbei Basketballspiel schauen zu können.

Sicher ist sicher in Washington

Am nächsten Morgen ging es dann von Baltimore nach Washington. Leider kamen wir insgesamt 18 Stunden später als ursprünglich geplant an, so dass für Besichtigungen nicht viel Zeit blieb. Vor Janas Vortragstermin beim Energieministerium reichte es gerade mal für einen Spaziergang längs der „National Mall“, jener Grünanlage, die vom Kongressgebäude über den Obelisk des Washington-Mausoleums bis hin zum Lincoln-Mausoleum führt. Etwas abseits dieser Achse schlendern wir noch am Garten des weißen Hauses vorbei, um festzustellen, dass der Präsident offensichtlich einen eigenen Imker beschäftigt. Vielleicht kann man ja mal herausfinden, ob der Honig aus dem eigenen Garten auch tatsächlich auf dem präsidialen Frühstückstisch landet.

Der Besuch im Energieministerium war sehr lehrreich. Im Grunde ist es ein Überbleibsel aus Zeiten des kalten Krieges. Es wurde als ausführender Arm des SDI-Programmes genutzt und kontrolliert die Nuklearresourcen, zivile und militärische. Es wird gemunkelt, dass unterirdisch mindestens noch ein paar Raketen liegen und auch ein Forschungsreaktor sei leicht wieder in Betrieb zu nehmen. Sicher ist, dass das Gebäude sicher ist. Denn jeder wird kontrolliert, auch die Mitarbeiter, die jeden Tag durch die Schleuse müssen. Per Zufall wird auch noch ausgewürfelt, ob sie und ihr Gepäck gescannt werden. Das passiert mindestens einmal pro Woche. Jedenfalls durfte ich mich nur in Begleitung durchs Gebäude bewegen und dies bis hin zur Toilette.

Wieder in New York und gleich weiter

Auch der Zug nach New York hatte sich auf seiner eintätigen Fahrt entlang der großen Seen – Amerikas dritter Küste – eine Verspätung von eineinhalb Stunden eingehandelt. Dafür wurden wir auf dem letzten Stück mit der sehenswerten Flusslandschaft des oberen Hudson-Flusses entschädigt. Teilweise führt der Bahndamm direkt durch das Ufergebiet des Flusses, kaum zwei Metern vom Wasser entfernt. So kann man Fischreiher aus aller nächster Nähe beobachten. Schliesslich erreichen wir New York Pennsylvannia Station und ergattern nach üblichen Zuständigkeitsproblemen eine Aufwertung unserer Fahrkarte für den Acela-Express, einem Schnellzug von Boston nach Washington. Als verwöhnter ICE-, TGV- oder Shinkansenkunde kam einem die Fahrt allerdings ziemlich rumpelig vor. Auch die angepriesene Internetverbindung reicht zumeist nur für das Versenden oder Empfangen von Emails. Doch man kann life mitverfolgen, wie sich der Zug den Weg durch die Karte bahnt.