Archiv für den Monat: Juli 2013

Rätselhafte Embleme

Rätsel in Vilnius

Auf dem Rückweg von Estland per Bus und Bahn kamen wir auch durch das Jerusalem des Nordens. Jedenfalls wurde Vilnius auf Grund seiner vielen Kirchen und der Religionsvielfalt lange so genannt. In einer Basilika stießen wir auf rätselhafte Blechbeine und -arme (siehe Foto). Diese Plaketten hingen einfach an der Wand, in der Nähe vom Altar. Bislang konnten wir nicht rausfinden, was es mit diesen für eine Bewandnis hat. Hat jemand eine Ahnung?

Nett gelegen ist die alternative Künstlerrepublik Uzupis. Leider haben wir weniger Kunst dafür mehr Touristen gefunden. Die Verfassung ist allerdings lesenswert. Augusts Favorit ist die Nr. 4 mit „Jeder Mensch hat das Recht, Fehler zu machen.“ und meiner die Nr. 25 mit „Jeder Mensch hat das Recht zu jeder Nationalität.“ Hier ein Vorschlag: mehrfache Staatsbürgerschaft in Europa wird Pflicht. Auf dass alle Länder mit gleichem Stimmgewicht an den Entscheidungen beteiligt werden!

Der Dank geht an Frau Timoschenko

Etwas südlich von Tartu liegt das Luftfahrtsmuseum von Estland. Es gibt 423 Modellflugzeuge und 30 Flugzeuge in Originalgröße. Darunter eine Tupolev (134 A), diverse MIC-X (man setze ein paar Nummern für das X ein) und eine JAK-40. Letzteres war mal eine Präsidentenmaschine und als solche in Gebrauch von Julia Timoschenko. Netterweise braucht sie diese nicht mehr und so konnten wir zwei Stunden Regen beim Spielen von Wizzard Extreme überbrücken.

Es gibt zum Spielen keine Alternative.

Netterweise zur Verfügung gestellt: die Präsidentenmaschine von Frau Timoschenko für den Fall, dass es unterwegs regnet.

Was gab es so zu lernen? Es gab viele Pilotinnen, 1908 bereits. Das erste estnische Flugzeug düste 1926 durch die Gegend. Interessant auch, dass die Tupolev eine gläserne/plastene (?) Spitze hat, in der der Platz für den Funker war. Am Heck und an den Flügelspitzen einiger Maschinen befanden sich interessanterweise antennenähnliche Metallspitzen. Das soll könnte die Verwirbelung in der Luft vermindern. Wir haben außerdem ein fliegenden Eisfahrzeug gesehen. Ob es jemals in Gebrauch war, lässt sich allerdings bezweifeln.

Hanseatische Tage weit weg von der Ostsee

In Tartu werden alljährlich die Hansetage gefeiert, denn die Stadt hat das Recht, sich Hansestadt zu nennen. Wie geht das ohne Zugang zur Ostsee? Nun, indem man eine Eiszeit hat und das Land nach dem Rückzug des dicken Panzers sich wieder allmählich erhebt. Das führt dann unter Umständen dazu, dass Flussläufe trocken gelegt werden, die sonst die Verbindung zur Ostsee und weiter zum Peipussee herstellen könnten. So geschehen mit dem Emajogi, der nun zerstückelt in der Gegend von Pärnu fließt, aber eben auch in der Gegend von Tartu.

Die Hansetage sind eine Riesensache, denn es kommen etwa 200 000 Besucher in die Stadt. Immerhin 1/5 der Bevölkerung Estlands. Es gibt viel Musik, Kunst und allerlei Leckereien. Unser kleiner Potsdamer Chor hatte einen fabelhaften Auftritt im Hof des Uppsala-Hauses. Es war schön. Auch der Workshop mit dem Lähte Naiste Koor war fantastisch, ein paar estnische Lieder können wir nun in unser Repertoir aufnehmen.

Vogelzwitschern

Vogelzwitschern im Uppsala-Haus

Vana Muusika Festival

Vana Muusika Festival

Vana heißt alt, die Oma ist Vanaema – die ältere Mutter. Und Vanatallinn ist ein Schnaps und Mitbringsel und der Vana-Toomas, der alte Thomas, wacht über Tallinn, wenn er nicht selber zu viel Vanatallinn genascht hat.

Nun, wir wollen eigentlich gar nicht über Tallinn erzählen, denn wir sind in der Mitte des Landes, in der Nähe vom Virtssee, in Viljandi. Die Stadt hieß früher auch Fellin. Heute hat sie 18.000 Einwohner und damit ist sie die sechstgrößte in Estland.

Es ist faszinierend zu beobachten, wie erfolgreich kleine Orte Kulturleben inszinieren können. (So wie Zittau, hat aber auch 30.000 Einwohner und zwei Uni’s). Viljandi ist sehr bekannt wegen des alljährlich stattfindenden Folkmusik-Festivals. Aber wir – und nun kommen wir endlich zurück zu Vana – wollen über das Vana Muusika Festival erzählen. Klingt nicht Muusika, das uu wird doppelt gesprochen, schon selbst wie Musik?

Viljandi jedenfalls ist ein wunderbarer Ort für solche Art von Musik. Die Stadt ist mehrere hundert Jahre alt und die alte Schlossruine ragt majestetisch über einem Felsen. Wunderschöne Holzhäuser, zwei Theater, ein Museum für Naive Kunst (wer hat eigentlich diesen blöden Namen erfunden?) und eine schmucklose, weiße Jaani-Kirche.

Dort fand gestern abend ein Konzert des jungen Geigers Evgeny Sviridov statt, der mit seiner Barock-Violine den Internationalen Bachwettbewerb gewonnen hat. Wir waren sehr beeindruckt, was man für warme und unterschiedliche Klänge aus einem alten Holzkasten hervorkitzeln kann.

Zum Reinhören:
Evgeny Sviridov spielt Biber Passacaglia auf der Barock-Violine.

Sommer in Pärnu

In der Hauptstadt des Sommers

Esten denken praktisch, also haben sie mehrere Hauptstädte. Die für die offiziellen Dokumente usw. heißt bekanntlich Tallinn. Dann gibt es Tartu, die Hauptstadt der Wissenschaft, Otepää, die Hauptstadt des Winters, Paide, die Hauptstadt der Herzen (zumindest ist auf den Karten immer ein Herz eingezeichnet, da an diesem Ort die Mitte des Landes ist), Kärdla, die Hauptstadt der Kaffeetrinker und Pärnu – die Hauptstadt des Sommers.

Der Name ist wohl verdient, die alte Hansestadt mit wundervollen Holzhäusern ist schon bei den russischen Zaren als Kurort beliebt gewesen. 175 Jahre Kurort-Dasein wird diesen Sommer gefeiert. Die Zaren haben zum Glück ausgedient und so erholt sich heute halb Estland, Finnland und ein paar verstreute Deutsche und Russen in der sonnendurchfluteten Stadt. Überall laden schöne Parkbänke, Parks und Cafes zum Verweilen ein. In den Gärten sitzen die Leute und schwatzen, man geht in Kunstgalerien und Ausstellungen, man nascht Eis und man geht vor allem baden. Dazu laden ein kilometerlanger weißer Sandstrand und für die nördliche Ostsee sehr warme Wassertemperaturen ein. Und was machen wir? Wir verbingen einen Großteil in der Bibliothek (ein sehr schöner Neubau!) und arbeiten. Na toll! Dafür gehen wir heute abend ins Sommermusiktheater, Monteverdi im Museum für Moderne Kunst.

Sommer in Pärnu

Den Sommer verbringen viele Esten in Pärnu. Baden, Eis, Sport, Musik und Kunst. In dieser Reihenfolge.

Sommer in Pärnu

Sonne, Wind und ein schöner Garten. So trocknet alles fix.

Juu Jääb

Das Musikfestival Juu Jääb findet auf der Insel Muhu in Hinterpusemuckeldörfern statt. Gestern gab es zum Beispiel ein Konzert in einem Ort mit 6 alten Bauernhöfen. Motto des Jazz-Festivals ist vermutlich: da geht die Postschnecke ab. Man werfe nur einen Blick auf das Logo. Es wird womöglich Musikenthusiasmus mit der Inselgemächlichkeit kombiniert, man wirbt nämlich nicht mit dem Slogan „Land der Frühaufsteher“, sondern „Muhu, wo die Zeit ruht“.

Die Schnecke jazzt.

Die Schnecke jazzt.

Es gab zwei Gigs. Erst trat die Band Rütmiallikal auf, die alte estnische Gesänge mit elektronischem Schnickschnack verjazzt. Auf jeden Fall war es spannend die Entwicklung zu verfolgen. Hier ein Link zum Reinhören. Das Lied wär auch was für die anstehende Chorwerkstatt in Tartu. Wir kümmern uns mal um Text und Noten.

Wiegenlied (Hällilaul) von Rütmiallikal

Als nächstes folgte eine brasilianische Samba-Jazz-Musikerin, die 15 Jahre in Schweden gelebt hat. Nett. Aber wir haben uns dann doch eher auf den Weg gemacht, da wir ohne Licht am Rad ein paar Kilometer Landstraße radeln mussten und dem Rückstrom der Autos zuvorkommen wollten.

Die Jagd nach dem Phantom

Es gibt einen Dokumentarfilm über die Insel Hiiumaa, in dem das Phantom vergeblich gejagt wird. Also zeigt man stattdessen alle touristischen Attraktionen, die die Insel zu bieten hat. Und das sind einige und die haben wir auch besucht: ältester Leuchtturm in Nordeuropa von 1530, Kreuzberge, Gutshöfe, Opferbäume, eiszeitliche Findlingsfelder, Diskgolfanlage im Nirgendwo, Kaffeehäuser, Orchideen in freier Wildbahn, Sandstrände und zerklüftete Küste, rollender Tante-Emma-Laden, der durch die einsamen Gegenden zieht, Windmühlen usw. Aber was sie nicht fanden, die gesamte Drehzeit lang, ist uns geglückt. Dazu sind wir um 5 Uhr im einsamen Winkeln der Insel losgefahren und haben die Augen offen gehalten. Nur die Kamera wackelte in aller Aufregung, aber auf dem Bild ist es wohl noch zu erkennen: die Entarnung und die Flucht. Wir haben einen stattlichen Elch beim Frühstück erwischt, er naschte unsere Walderdbeeren.

Das Phantom

Das Phantom frühstückt.

Das Phantom II

Das Phantom auf der Flucht. Sie glückt. Leider.

Was sagt denn die Statistik zu Großtieren? Nun das estnische Kulturinstitut hält in seinen zauberhaften Broschüren ein paar Zahlen parat: 170 Wölfe, 600 Braunbären, 900 Luchse, 10500 Elche, 13000 Wildschweine und 2700 Kegelrobben gibt es in dem Land. Angeblich aber keine Eisbären – jedenfalls wird diese Frage in der Broschüre verneint, bzw. es wird nett auf Marta, den ersten Eisbären im Tallinner Zoo hingewiesen.

Scheint jemals die Sonne in Estland?

Wir können aber auch in dieser Angelegenheit einen Fotobeweis antreten. Aufgenommen vor ein paar Tagen im Hafen von Haapsalu.

Eisbär fühlt sich wohl in Estand.

Entgegen der Behauptung, dass Eisbären nicht in Estland wohnen, tun sie es doch.