Archiv für den Monat: Dezember 2013

Schön war’s

Wir sitzen im Esszimmer unserer netten Unterkunft auf der kleinen Insel Zamami (578 Einwohner und ca. 50 Touristen) und schreiben den letzten Eintrag für dieses Jahr. Nebenher läuft die Silvestergala im Fernsehen und es wechselt ein Enka nach dem anderen. Das sind sehr, sehr schmachtend gesungene Lieder (solche, die unser Freund Hide typischerweise bis kurz vor Schluss eines Karaokeabends aufspart, damit alle vor Lachen sich auf dem Boden wälzen). Gut, die Botschaft dessen, was wir ausdrücken wollen, ist vermutlich angekommen. Es ist eben oft nur eine Frage der Pespektive. In diesem Sinne – das alte Jahr tritt ab und wir können sagen: schön war es. Morgen stehen wir früh auf, um ganz japanisch, die aufgehende Sonne im neuen Jahr zu begrüßen.

Perspektive I

Perspektive I

Perspektive II

Perspektive II

Kaffee in Japan

Denkt man an Japan, so kommt einem nicht sofort Kaffee in den Sinn. Dabei ist das Land
einer der größten Kaffeekonsumenten der Welt. An vielen Straßenecken finden sich Cafes,
die meisten davon sind Einfrau/mann-betriebe, wo mit viel Liebe der Kaffee zubereitet wird.
Kein Getränkeautomat, der nicht mehrere Sorten an Kaffee – stark geröstet, milde Sorten,
Kaffee Latte und Cappuccino, alles natürlich heiß und kalt – anbietet. Klar, dass auch internationale Kaffeehausketten in Naha angesiedelt sind. In der Gourmetabteilung der größeren Kaufhäuser kann man zwischen dutzend verschiedenen Bohnensorten auswählen. Manche unserer ehemaligen Kollegen an der Universität Osaka waren sogar echte Kaffeenarren und kauften die Bohnen noch roh, um sie dann selbst zu rösten und zu mahlen.

Wir gönnten uns heute eine leckere Kanne Kaffee im Kuma Cafe, dem Bären-Kaffee, und ließen
uns vor der Türen die warme Sonne auf den Pelz scheinen. Passend dazu gab es den Kuchen des
Hauses: Schokoladenbisquit mit Schokosahne und Birnenstücken.

Kaffee im gemütlichen Bär und bei Sonnenschein

Kaffee im gemütlichen Bär und bei Sonnenschein

Leibgericht

Juchu! Auf Okinawa gibt es die Restaurant-Kette „Otoya“. Die haben sich dem regionalen Essen verschrieben und bieten die japanische Küche zu erschwinglichen Preisen an (Tee und Wasser ist wie fast überall inklusiv). So gab es heute für 1410 Yen (knapp 10 Euro) zweierlei: August (hinterer Teller) hatte frittiertes Hühnchen, frittierter Kürbis, geriebener Rettich, Salat, geschredderter Kohl, eingelegtes Gemüse, Miso-Suppe, Spiegelei und Vollkornreis. Meine Wenigkeit konnte einem Leibgericht frönen, das sehr viele Dinge mit ungewöhnlicher Konsistenz enthält (vorderes Tablett): Okraschotten, fermentierte Sojabohnen (Natto), geriebene Yamswurzel (weiß), rohes Ei, roher Thunsfisch, Seetang, eingelegter Rettich, Vollkornreis und Misosuppe. LECKER!

Leibgericht Bakudon

Leibgericht Bakudon

Okinawas gute Geister

In Okinawa fallem Einem sehr schnell die vielen Löwenfiguren ins Auge. Diese werden Shisas genannt und ähneln bisweilen bunten Hunden. In jedem Fall sind sie jedoch gutmütig, denn sie beschützen Hab und Gut. Eingeführt wurden die guten Geister irgendwann im Mittelalter. (Wikipedia erzählt was von einer Legende, bei der der König mit Hilfe eines Shisa-Amuletts einen marodierenden Drachen erledigt hat.) Die Glücksbringer plaziert man jedenfalls auf Dächern oder an Türen und Eingangstoren.

Shisa auf Nakamura-Haus (von 1720)

Shisa auf Nakamura-Haus (von 1720)

Treten sie in Pärchen auf, hat der eine den Mund offen und der andere den Mund geschlossen. Bei japanischen Tempelwächtern bringt man das mit den Anfangs- und den Endbuchstaben des Alphabets in Verbindung, um den umfassenden Schutz von A bis Z buchstäblich zu verdeutlichen. Angeblich ist das bei den Shisas etwas anders – der eine hält das Glück im Haus und der andere spukt das Unglück sozusagen wieder aus.

Shisa beim Unglück ausspucken

Shisa beim Unglück ausspucken

Heute begegnen wir auf unserer Fahrradtour einem Ufo-Shisa. Das hat nix mit Außerirdischen zu tun, sondern lässt sich auf den Okinawaer Dialekt zurückführen. Eigentlich sollte man wohl eher von einer Sprache reden, denn die Entwicklung von japanischer Sprache und die der Ryukyu-Inseln verläuft seit spätestens dem 9. Jahrhundert getrennt voneinander. „Ufo“ heisst auf ryukyuanisch „groß“ (japanisch „oki“) und damit ist ein Ufo-Shisa ein großer Shisa. Dieser hier misst 3.40 m; er spukt Rauch (was wir nicht ahnen und entsprechend erschrecken, als wir gemütlich rasten und Tee trinken).

Ufo-Shisa

Ufo-Shisa

Frage – Antwort

Heute sind wir mit dem Fahrrad unterwegs, ein etwa 80 km langer Rundkurs nördlich von Naha. Wir wundern uns über ein paar Holzbohlen, an denen Strünke befestigt sind.

Was macht ein Baumstamm mit Strünken?

Was macht ein Baumstamm mit Strünken?

Was es damit auf sich hat, erfahren wir in der Querstraße. Überall blühen herrliche Orchideen.

Orchideen beherbergen!

Orchideen beherbergen!

Ein ganz normales Haus in der Nachbarschaft, offensichtlich Teilnehmer der Orchideen-Initiative.

Ganz normales Haus auf Okinawa

Ganz normales Haus auf Okinawa

Mittler zwischen den Welten

Beim Spaziergang durch Naha finden wir dieses stattliche Exemplar eines Weihnachtssterns. Ursprünglich beheimatet in Mexico können diese Wolfsmilchgewächse offensichtlich mehrere Meter hoch wachsen. Das Foto erzählt aber noch eine andere Geschichte, nämlich die der Stele gleich rechts neben dem Baum.

Mexikanischer Weihnachtsstern in Naha

Mexikanischer Weihnachtsstern in Naha

Sie ist ein stilisierter Nachbau der Drachenstele, die sich direkt vor dem Eingang des Shuri-Schlosses befindet. Den Königsthron schmückt sie ebenfalls. Doch um welchen König und welches Reich handelt es sich? Um eins, das keine Waffen kannte und eins, das Jahrhunderte zwischen den Welten hing.

Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg zerstörten Shuri-Schlosses

Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg zerstörten Shuri-Schlosses

Das Ryukyu-Königreich hatte seine Blütezeit zwischen dem 14. und dem 16. Jahrhundert, es profierte vom Handel mit China, Japan, Indonesien und Korea. Der Trick dabei war zum Einen, dass sie nicht mit eigenen Waren handelten, sondern die Waren der anderen Länder sozusagen als Drehscheibe rotierten.

Diplomatischer Empfang beim Ryukyu-König

Diplomatischer Empfang beim Ryukyu-König

Zum Anderen zeigten die Okinawaer diplomatisches Geschick. China erkannte die Insel als Vasallenkönigtum an und ließ ihnen relativ viel Freiheit. Auch Japan ließ Okinawa trotz Eroberungen durch einen Fürsten von Kyushu vergleichsweise viel Freiraum und erkannte das Inselreich als mehr oder weniger eigenständig an. Nun trug es sich jedoch zu, dass die beiden Großmächte miteinander im Clinch lagen. Schön, dass sich über den neutralen Boden Okinawas dennoch Handel betreiben ließ. Okinawa perfektionierte seine Rolle als Handelsmittler und becircste die Kampfhähne mit Gesang, Tanz, Theater und süßem Gebäck. Da sie außerdem auf Waffen verzichteten, ersannen die Inselbewohner eine Alternative und übten sich in der Kunst des waffenlosen Widerstands. Und so kam es, dass in Okinawa die Sportart Karate erfunden wurde.

Traditionelles Gebäck - mal mit mehr, mal mit weniger Ei(weiß)

Traditionelles Gebäck – mal mit mehr, mal mit weniger Ei(weiß). Lecker.

Unerwartete Bescherung

Den Tag über regnet es, doch es sind warme 18 Grad. Wir bummeln durch die Hauptstadt Okinawas, die sich Naha nennt. Sie liegt 26 Grad nördlicher Breite, ähnlich wie Katar, Assam oder Florida. Das Klima ist subtropisch und wir werden sicherlich noch viel über die Pflanzen- und Tierwelt berichten, u.a. gibt es hier einige der schönsten Korallenriffe weltweit zu bestaunen. Was heute zunächst zu bemerken ist: in Naha wachsen und gedeihen eigentlich alle uns geläufigen Zimmerpflanzen, nur in groß, z.B. Hibiskus in allen Farben.

Gegen Mittag weichen wir dem Regen aus und fahren mit der Monorail, der Einschienenbahn, hin- und zurück durch die Stadt. Die Schienen sind etwa 10 bis 20 Meter oberhalb der Straßenhöhe und so kann man während der Fahrt einen herrlichen Ausblick genießen. Außerdem kommt Einem das japanische Tarifsystem entgegen. Denn man zahlt nur am Ausstiegsbahnhof und so lösen wir einfach ein Ticket für die nächste Station (100 Yen = 70 Cent).

Tja, und ganz unverhofft gelangen wir in eine bunt mit Luftballons dekorierte Bahn. In der Menge der Leute entdecken wir zwei Weihnachtsfrauen und Rudi, das Rotnasenren(n)tier. An sich sind seltsame Werbeverkleidungen in Japan nichts besonderes, doch bei genauerem Hinsehen fallen uns neben den Luftballons unzählige Süssigkeiten auf, die wie reife Pflaumen darauf warten gepflückt zu werden. Fröhliche Weihnachten, gibt Rudi das Startsignal, und die Ernte beginnt. Das Fernsehen ist natürlich auch dabei. Achja, unsere Ernte: zweimal Mochi-Eiskonfekt und ein Mango-Biskuit-Küchlein.

Neues Rathaus bald grün

Neues Rathaus bald grün. Ein Shisa-Löwe sortiert die Einlasssuchenden. Straßenbaum Gajumaru, der Feigenlorbeer.

Monorail

Monorail

Ernte am Traumzauberbaum

Ernte am Traumzauberbaum?

Weihnachtsba ... äh, ... bahn

Weihnachtsba … äh, … bahn

Frohe Weihnachten wünschen …

die guten Geister Okinawas, Shisa genannt, August und Jana. Nach 27 Tagen, 7 Ländern, Langstreckenzügen, Busreisen und vier Fährüberfahrten sind wir nun in Naha angekommen. Bis März bewegen wir uns dann nur noch im Fuß- und Radradius quer durch Okinawa – Tagesfährfahrten zu den vielen Nachbarinseln mal ausgenommen.

Auch werden wir uns von nun an hoffentlich täglich zu Wort und Bild melden, denn wir sind seit kurzem Besitzer eines Wifi-Walkers und können uns damit überall mit bis zu fünf Geräten gleichzeitig einloggen. Na, wenn das nix ist! Für heute gibt es nur noch drei Tagesordnungspunkte: ab ins japanische Bad (das gehört zu dem schönen Gasthaus mit den Shisa-Weihnachtsmännern, siehe Foto), ein bisschen Weihnachtskonzert im Fernsehen hören und schlafen. Wir bleiben ganze 7 Nächte an ein und dem selben Ort, ein kaum zu begreifender Luxus.

Weihnachtsgrüße aus Okinawa

Weihnachtsgrüße aus Okinawa

Der Weg in die Südsee ist beschwerlich

Eine Woche Kansai ist um. Wir haben eine Takoyakiparty gefeiert, Bratäpfel gebacken, Kartoffelsalat und Würstchen aus gegebenem Anlass mit unserem Freund Hide, seiner Frau Risa und ihren zwei Wonneproppen verspeist. Auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt in Osaka unter dem Umeda Sky Building gab es auch noch Glühwein und Stolle. Bilder werden aus technischen Gründen nachgereicht.

Inzwischen sind wir kurz vor der Abfahrt unserer Fähre ins sonnige Okinawa, auf die Hauptinsel. Wir haben es nämlich aufgegeben uns bis Kagoshima per Fahrrad durchzukämpfen. Es gibt kaum Fahrradwege und falls doch entlang an dicht befahrenen Straßen. So muss man den Gehweg mit tagträumenden Spaziergängern und Fahrradfalschfahrern teilen. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 7kmh wären wir wohl erst zum Sommer in Okinawa, bzw vorher Pleite.

Daher haben wir umgeplant und sind auf die Fähre von Osaka nach Shibushi gestiegen. Eine Nacht im Großschlafsaal, das war preiswert und entspannend. Erfreulicherweise konnten wir Räder und Anhänger dann im Bus verstauen und erreichten so auch noch pünktlichst Kagoshima. Es war gleich 8 Grad wärmer, Palmen säumten die Straßen, die Sonne schien und es gab echte Radwege. Ein guter Auftakt. In 24h werden wir dann laut Plan Naha erreichen, eine nette Unterkunft ist gebucht. Wir freuen uns auf Heiligabend!

Grüne Landschaft Kyushus

Grüne Landschaft Kyushus, im Hintergrund raucht ein Vulkan

Curry-Reis auf Japanisch

Curry-Reis auf Japanisch

Gute Nacht auf der Fähre

Gute Nacht auf der Fähre

Takoyaki-Bällchen

Takoyaki-Bällchen Takoyaki-Bällchen

Pieke den Pirat

Pieke den Pirat Pieke den Pirat

Yeah, Abwasch!

Yeah, Abwasch! Yeah, Abwasch!

Meine neue Püppi (made by Jenny & Mami)

Meine neue Püppi (made by Jenny & Mami) Meine neue Püppi (made by Jenny & Mami)

Fabelhafter Moment

Kyoto schickt wieder seine Zauberbande aus. Etwa 10000 km liegen hinter uns; wir sind in der alten Hauptstadt angekommen und lassen uns ergebenst einfangen. Von diesem schlauen Inari-Fuchs etwa, der die kleine, dunkle Gasse beobachtet im Auftrag der Götter des Reises. Vermutlich residieren sie in dem mächtigen Baum davor. Dieser ist seinerseits möglicherweise ein Nachkomme eines Vorfahren, dessen Wurzelreste in jenem kleinen Schrein liegen, der so hell in die Dunkelheit strahlt.

Der Inari-Fuchs ist ein Fabelwesen, vergleichbar mit Reineke Fuchs. Er kann sich verwandeln und insbesondere besteht die Gefahr, dass hinter einer verführerischen Schönheit sich in Wahrheit die schlaue Märchengestalt verbirgt. Allerdings zieht er durchaus auch mal den kürzeren, zum Beispiel gegen einen Tannuki – ein anderes japanisches Fabelwesen, nämlich die drollige, fast bärengemütliche Variante eines Marderhundes.

Einst nämlich wetteiferten Tannuki und Fuchs miteinander um den Titel des Oberschlaumeiers. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen galt es, einander zu übertölpeln. Als nun am nächsten Morgen der Tannuki in den Wäldern wandert, findet er eine Jizo-Statue. Wie der Brauch es will, opfert er einen Reisball. Das erinnert den Tannuki daran, dass er selbst hungrig ist und so setzt er sich, um seinerseits zu essen. Nach dem Mahl schaut er auf und bemerkt, dass der geopferte Reisball verschwunden ist. Also opfert er der Statue einen weiteren, dreht sich um, dreht sich zurück und erneut ist das Essen verschwunden. Soso, denkt der Tannuki, legt nochmals einen Reisball ab und dreht sich geschwind wieder hin. Er sieht gerade noch, wie der Fuchs den Reisball im Mund verschwinden lässt und sich wieder in die Jizo-Statue zurück verwandelt. Nu pogodi, na warte, sagt der Tannuki, morgen werde ich dir an der Hauptstaße meine Künste beweisen.

Am nächsten Tag nun geht der Fuchs zur Hauptstraße. In der Ferne sieht er den Tross eines Reichsfürsten kommen. Erst kommen die Bannerträger und dann die Herolde, die das Hinknien befehlen, bevor die Sänfte des Fürsten vorbeikommt. Da der Fuchs nun auf dieser Straße noch nie einem Fürsten begegnet war, glaubte er, dass der Tannuki ihm hier nur einen Streich spielen wolle. Er rennt also auf die Sänfte zu und schreit „Tannuki, Tannuki, dass ist ja herrlich.“ Nur leider handelte es sich tatsächlich um einen Fürsten und der Fuchs bezog ordentlich Prügel von den Samurai. So war der Fuchs dem Tannuki auf den Leim gegangen – und die Moral von der Geschicht: informierte Schlauheit noch die beste Täuschung bricht.

Inari-Fuchs schaut in die Dunkelheit

Inari-Fuchs schaut hinaus in die Dunkelheit