Archiv für den Monat: März 2015

Wanderweg zum Schreibtisch

Zwei Wochen sind vorbei. Zeit für eine kleine Bilanz über das Arbeiten in Norwegen. Laut Arbeitsvertrag wird empfohlen zwischen Oktober und März von 8 Uhr bis 15.45 Uhr zu arbeiten, im Sommerhalbjahr soll man dafür schon um 15 Uhr die Arbeit Arbeit sein lassen. Anwesenheit im Institut ist zur Kernarbeitszeit zwischen 9 und 14 Uhr vorgeschlagen. Das ist symphatisch. Noch symphatischer ist, dass allgemein darauf vertraut wird, dass jeder sich am besten selbst zu organisieren weiß. Das läßt viel Freiraum, um den Alltag passend zu organisieren.

Erstes Teilstück des Weges zum Schreibtisch

Erstes Teilstück des Weges zum Schreibtisch

Wie auf allen unseren Stationen bisher wollen wir möglichst auf Auto & Co verzichten. Da wir auch noch keine Fahrräder haben, schnüren wir täglich die Wanderschuhe. Der Weg führt zunächst still am Fjord entlang. Dann queren wir eine Brücke, die zwar ein architektonisches Museumsstück von 1958 ist, aber deren Erbauer Fußgänger nicht mitgedacht haben. Also schlängeln wir uns auf der schwankenden Brücke an Autos und LkW vorbei. Im nächsten Jahr soll sie wohl abgerissen und ersetzt werden. Außerdem gibt es Pläne, Sogndal zu untertunneln, um den Überlandverkehr aus der Stadt rauszuhaben. Sogndal war übrigens bis vor ein paar Jahrzehnten nur über den Seeweg zu erreichen. Erst 1986 ist die Fernstraße Nr. 5 eröffnet worden. Sie verbindet die Fjordspitze mit der Küste im Nordwesten.

Die schöne Brücke wird weichen

Die schöne Brücke wird weichen

Von der Brücke aus geht es etwa zehn Minuten durch das kleine Stadtzentrum mit Kino, Kulturhaus, Bibliothek, Einkaufszentrum und ein paar Geschäften. Darunter ein sehr schöner Musikladen und ein Bäcker, der auf das Motto „Brot & Rosen“ setzt. Die Bäckerei bäckt um die Ecke im nächsten Tal und bietet eine große Auswahl. Mit der Verkäuferin kann man nett plauschen und mit der Zeit werden wir uns durch alle Spezialitäten durchfuttern. Kanelsnurr (Zimtschnur oder -schnecke) sowie Bergbrot mit Nüssen und Äpfeln waren schonmal sehr lecker. Heute testen wir das lokale Möhrenbrot.

Bäckerei in Sogndal

Bäckerei in Sogndal

Am Busbahnhof namens „Ski-Station“ verlassen wir die Straße und biegen ab in Richtung Hochschule. Es geht am Fluß Sogndalselvi lang, dessen Wasser wild rauscht, dicke Felsbrocken umströmt und hier und da als Wasserfall hinabstürzt. Eine alte Mühle gibt es auch noch, aber sie ist nicht mehr am Laufen. Da kommen einem glatt Projektideen …

Kleiner Wasserfall bei der Hochschule

Kleiner Wasserfall bei der Hochschule

Die Hochschule besteht aus modernen Gebäuden im nordisch-kühlen Schick. Dazu mehr in weiteren Berichten. Heute gibt es noch einen Blick auf den Arbeitsplatz und einen aus dem Fenster. Die schöne Orchidee ist übrigens ein Willkommensgruß zum Arbeitsbeginn. Das öffnet das Herz. Ebenso aufmerksam ist, dass viele vorbeischauen und einen freundlich begrüßen. Auffallend ist ohnehin, dass die Leute auf der Straße, in den Läden oder auch die Kollegen sehr viel lächeln und das Gefühl vermitteln, dass Zeit etwas ist, das ohne zutun einfach da ist, und das wie frische Luft durch Gebrauch nicht vermindert wird. Das lernen wir gern von den Norwegern.

Arbeitsplatz

Arbeitsplatz

Fürs Protokoll: Der Weg zur Arbeit beträgt 3km. Das wird sich ändern, wenn wir aus unserer zeitweiligen Bleibe demnächst umziehen.

Blick aus dem Bürofenster

Blick aus dem Bürofenster

Angekommen in Sogndal

Sogndal ist kein Schreibfehler, auch wenn „Tal der Lieder“ verlockend klingt. Sogn ist eine alte Wurzel des Wortes „suchen“. Die kleine Universitätsstadt mit 3547+2 Einwohnern liegt also im „Tal, wo der Fluss sich seinen Weg sucht“. Nun suchen wir uns dort eine Bleibe, am Sognefjord, der mit 204 km Länge und 1308 m Tiefe die Majestät unter den Fjorden ist. Das ist übrigens tiefer als die Nordsee mit nur 700 m!

Blick auf Sogndal und den Sognefjord

Blick auf Sogndal und den Sognefjord

In der Nacht auf Freitag zu Samstag vor einer Woche starteten wir unsere Anreise mit einem tschechischen Fernbus. Morgens kamen wir in Malmö an und verbrachten die Wartezeit im Bahnhof, denn dieser ist liebevoll für Reisende ausgestattet; mit viel Flair aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, mit Tischen, Stühlen, Teppichen, Wlan, Wärme und anderem, so dass das Warten selbst ausserhalb der Cafe-Öffnungszeiten angenehm war. Mit Zwischenstopp in Göteborg (auch ein schöner Bus- und Zugbahnhof!) kamen wir abends in Oslo an, begleitet von frühlingshaftem Wetter mit sehr guter Fernsicht.

Die Ankunft in Oslo mit Blick auf Hafen und Opernhaus war ein Augenschmaus. Wir entschieden uns daher, nicht den Nachtbus nach Sogndal zu nehmen, sondern am nächsten Morgen über Tag nach Sogndal zu fahren, um nichts von der schönen Landschaft zu verpassen. Eine kluge Entscheidung, die Busfahrer und Sonne mit einem warmen Sonntagslächeln belohnten. Von Oslo folgten wir zunächst der Bergen-Bahn und allmählich kamen wir immer höher und fuhren in den Winter. Der Pass lag auf 1137 m und der Busfahrer stoppte, damit wir kurz die Aussicht genießen konnten.

Reichsweg 52 zwischen Laerdal und Gol

Reichsweg Nr. 52 zwischen Laerdal und Gol

In Laerdal angekommen ging es nach etlichen Tunneln auf die Fähre, um den Sognefjord zu überqueren. Am späten Nachmittag erreichten wir dann die Ski-Station von Songdal, so nennt sich der örtliche Busbahnhof. Der Name ist Programm, denn „leider priorisiert man in Sogndal Ski, Ski, Fußball, Fußball und Ski“ und nicht Kunst & Kultur, wie der Besitzer des fabelhaften Musikladens von Sogndal kürzlich beim Plaudern bedauerte. Andererseits gibt es mehrere Chöre – am Dienstag schaue ich mir einen ersten an -, mindestens zwei Trekkspillclubs (Akkordeon), ein prämiertes Programmkino, ein paar Bühnen und Cafes sowie mindestens einen neuen Kollegen, der türkische Trommeln spielt und schon fragte, ob man nicht eine Weltmusik-Band ins Leben rufen könnte. Wir werden dieses Thema sicherlich nicht aus Augen und Ohren verlieren …

Immerhin hat die Stadt einen berühmten Wegelagerer und Barden, einen norwegischen Jamie MacPherson (alle Fans von Wacholder werden das Lied über seine feige Hinrichtung kennen. Die zerbrochene Geige hatten wir ja seinerzeit in Schottland im Museum gefunden). Der Name des rebellischen Poeten von Sogndal war Gjest Baardsen (1791-1849). Wer mal in ein Lied reinhören möchte, hier gibt’s die zünftige Volksmusikvariante.

In Sogndal gibt es also nicht nur sportliche Betätigungsfelder, sondern wir werden auch eine Menge an geschichtlichen und kulturellen Schätzen bergen können. Auch der sehr liebevoll gestaltete Gullideckel spornt unser Entdeckungsfieber an. Wir werden berichten, was die einzelnen Symbole für eine Bewandnis haben. In der Mitte prangt schonmal das Stadtwappen von Sogndal. Es stellt den Bug eines goldenen Wikingerschiffes auf blauem Grund dar.

Das Wetter blieb in den ersten Tagen sehr schön und frühlingshaft. Die Temperaturen lagen zwischen 5-10 Grad im Schatten, es gab kaum Wind und die Sonne hatte gut Kraft. Sie geht nun um den Frühlingsanfang herum gegen 6.30 Uhr auf und um 18.30 Uhr unter. Auffallend ist die deutlich längere Phase der Dämmerung im Vergleich zu Brandenburg. Vom Polarkreis sind wir übrigens noch ein gutes Stück entfernt, wie man auch auf der Karte sehen kann. Sogndal liegt etwa 1000 km südlicher. Heute morgen am Sonntag staunten wir nicht schlecht, als plötzlich alles weiß war. Winter und Frühling haben ihren Kampf noch nicht ausgefochten.

Untergekommen sind wir für die erste Zeit in einem schönen Haus am Fjord. Wer mal schauen will, kann das per Street View tun. Hier ist der Link: Ein Häuschen am Fjord

Packen für Norwegen

… doch eigentlich wär‘ ich grad lieber hier. Morgen geht es los. Mit dem tschechischen Nachtbus von Berlin nach Oslo über Rostock, Gedser, Kopenhagen und Göteborg. Von Oslo dann wieder per Bus oder Zug – mal schaun, was wir bekommen, Richtung Sogndal. Dort wird nun unsere neue Heimat, am längsten Fjord von Norwegen, der oberhalb von Bergen beginnt. Wir werden berichten.

Achja, die Zamami-Insel

Achja, die Zamami-Insel

Okinawa – Japans kaum bekannter tropischer Schatz

So titelt Euronews und sendet einen Filmbeitrag über Japan auf der ITB. Das bemerkenswerte ist, dass der Präfektur Okinawa dabei der Löwenanteil an Zeit eingeräumt wird, denn das subtropische Inselparadies mit seinen Kultur- und Naturschätzen wird gern nur am Rande erwähnt. Das betrifft auch die aktuellen Auseinandersetzungen um den Neubau einer weiteren US-amerikanischen Militärbasis genau dort, wo der Yanbaru-Dschungel sich erstreckt und dort, wo die seltene Dugong-Seekuh gemächlich im Meer schwimmt.

Der friedliche Protest am 1. März endete mit Verhaftungen unter mysteriösen Umständen. Hier ein Artikel in der Japantimes und ein übersetztes Zitat daraus: „Kandidaten, die sich gegen den Henoko-Plan ausgesprochen haben, haben in den drei vergangenen Wahlen gewonnen – die Wahl des Bürgermeisters von Nago im Januar letzten Jahres, die Gouverneurs-Wahl im November und die Wahl des Repräsentanten im Unterhaus im Dezember.“ Es ist ein politisches Trauerspiel.

Von rechts nach links: Kazuya, Yoko, August, Akino, Jana

Von rechts nach links: Kazuya, Yoko, August, Akino, Jana

Gestern nun ging die Internationale Tourismusbörse in Berlin zu Ende. Wir haben die Tourismusbehörde von Okinawa unterstützt, die dieses Mal einen eigenen Stand hatte. Die Arbeit hat uns sehr viel Vergnügen bereitet – wir haben von Okinawa geschwärmt, geschwatzt, gesungen und Sanshin geübt. Die GEMA kam natürlich kontrollieren – doch Volksliedschätze, so flott sie auch sein mögen, fallen zum Glück nicht unter die Abgabepflicht. Zum Schmunzeln brachte uns zu beobachten, wie man auf Okinawa Business macht – ganz in bunt-gelassener Manier wie sich auch die Inseln geben. Auf dem Foto sieht man unseren Chef Kazu-san in freundlich-gemacher Aktion.

Ein Renner war sicherlich das kleine Flakon mit Sternensand von Okinawas Stränden. Genauer gesagt handelt es sich dabei nicht um Silizium-Verbindungen, sondern um sternenförmige Gebilde, die auf Kalziumcarbonat basieren. Der Sternensand besteht nämlich aus Millionen Jahre alten Einzellern, sogenannten Foraminiferen oder Kammerlingen. Diese Fossilien werden in beständiger Regelmäßigkeit an den Strand gespült und zeigen selbst nach so langer Zeit ihre grazile Sternenform. Mit ihrer Hilfe kann man gut das Alter von Gesteinsschichten bestimmen, weshalb sie zu den Leitfossilien gezählt werden. Der Wikipedia-Eintrag dazu ist sehr illustrativ, wir lernen nie aus!

Sternensand: Eine gute Geschichte bannt noch jeden.

Sternensand: Eine gute Geschichte bannt noch jeden.