Archiv für den Monat: April 2015

Des Nordmanns Sprache und Kultur

Was spricht man eigentlich in Sogndal? Norwegisch? Nein. Norwegisch gibt es als solches gar nicht. Es gibt zwei offizielle Sprachen. Die eine heißt Bokmål, Buchsprache, und die andere heißt Nynorsk. Erstere lehnt sich stark ans Dänische an, während Nynorsk aus alten Dialekten hervorgegangen ist. Die Leute aus Oslo verstehen hier nichts, weil sie nicht Nynorsk sprechen. Allerdings würden Alteingesessene protestieren, würde man ihre Sprache als Nynorsk bezeichnen. Vielmehr herrscht in Norwegen ein babylonisches Sprachenwirrwarr, wobei jedes Tal und jedes Dorf stolz auf seinen Dialekt ist. Da die Täler, wie zum Beispiel auch Sogndal, erst sehr spät an das Straßennetz angeschlossen worden sind, ist es auch kein Wunder, dass sich soviele sehr unterschiedliche Sprachen entwickelt und lange erhalten haben. Da kann zum Teil jemand im nächsten, nur 30 km entfernten Tal nicht mehr verstanden werden, falls es die Person aus dem Nachbartal darauf anlegt. Das macht es recht schwer, „norwegisch“ zu lernen.

Andererseits lassen sich viele Dinge aus dem Deutschen oder Englischen erraten. Beispiele sind „mindre sukker“, was „weniger Zucker“ bedeutet, oder „Har du lyst til å dra på gårdsbesøk?“ — „Hast Du Lust auf einen Besuch (Verwandtschaft zu Englisch: drag = ziehen) beim Bauernhof (Gartenbesuch)?“. Es gibt allerdings etliche falsche Freunde, zum Beispiel bedeutig „heftig“ „heiß“ und eine „Fløte“ ist keine Flöte sondern Sahne. Heute morgen haben wir verstanden, dass auf dem Geldschein KEIN Druckfehler ist. Auf einer Seite steht nämlich „Norges Bank“ und auf der anderen Seite steht „Noregs Bank“. Das eine ist vielmehr Bokmål und das andere Nynorsk. Solcherart von Aha-Erlebnissen gibt es einige. Die Fotos zeigen eines zum Schmunzeln im Zusammenhang mit einer Butikk, passenderweise „Stihl“ genannt. Was liegt also näher, an etwas stilvolles und modisches zu denken? Urteilt selbst 🙂

Boutique mit Stil

Boutique mit Stil

Nordmannskultur

Nordmannskultur

Ohne Ach mit Krach

Am Samstag fand nun das Frühjahrsgalakonzert im Kulturhaus statt. Der örtliche Saftladenbesitzer in der vierten Generation fördert als eifriger Kulturmäzen u.a. die Unterhaltung des Lokalorchesters und die von Konzerten. Zwei Programmteile gab es: im ersten Laien und zweiten geladene Profis, nämlich das Orchester der königlichen Marine von Norwegen. Im ersten Teil war unser Chor (Songlag = Liederlager?) und das hiesige Orchester dabei. Die Leitung haben jeweils Profis, die in der Provinz „Sogn og Fjordane“ extra dafür angestellt sind, zu gleichen Teilen als Musikpädagogen und Solisten. Gute Sache.

Es gab ein Deja-vu mit dem Potsdamer Kuzechor. Das erste Lied, dass ich lernte, war nämlich wieder ein Lied, das zum Marsch bläst. Nur diesmal nicht aus revolutionären Zeiten Lateinamerikas, sondern es handelt sich um das Partisanenlied „Abschied der Slawin“ von 1912, das durch slawische Länder geistert und mal auf dem Weg war russische Nationalhymne zu werden. (Mehr Infos als auf der deutschen Wikipedia gibt es auf der russischen und englischen.) Na, die Schwierigkeit war jedenfalls, das Ganze basierend auf norwegischer Umschrift auf polnisch zu singen. Das zweite Lied, das wir mit dem Orchester aufführten, war „Merano“. Sehr lustig. Aus dem Musical „Chess“ geschrieben von den B’s aus ABBA. Sehr witziger Text und glänzende Musik (erinnert an den Film „Willkommen in Wellville“ mit Antony Hopkins als Dr. H. Kellogg). Aus sprachlicher Sicht ist das Singen dieses Liedes eine Herausforderung. Hier gibt’s eine Hörprobe aus dem Musical. Das dritte Lied, „Toreador“, ist wegen Erkrankung des Solisten ausgefallen. Beim vierten Lied handelte es sich um den Gefangenenchor aus Nabucco, allerdings auf norwegisch („Fangekor“). Alles lief glatt, wobei wir uns selbst kaum wegen des dominierenden Orchesters gehört haben.

Am nächsten Tag haben wir dann die Früchte der Sangesmühen eingefahren, denn netterweise hat der Marmeladen- und Safthersteller auch seine neueste Kreation zum Kosten verteilt: eine leckere Erdbeersoße, die wir dann mit unseren Plinsen auf der Sonntagswanderung vernascht haben. „Ekte vare smaker best“ – echte Ware schmeckt eben am besten. So auch der Werbespruch der Firma. Als Wanderung hatten wir uns wieder einen Rundweg aus dem Wandernetz „Folkesti“ (Volkssteige) gewählt. Erst gings eine Weile am Fjord mit schönen Wiesen lang und dann auf 400 m hoch mit herrlichen Ausblicken. Zwischendrin muss man immermal Tore passieren, denn sobald ein Stück Land nicht allzu steil ist, gehört es den Schafen als Weide. Doch über die Kulturlandschaft Norwegens berichten wir ein anderes Mal mehr.

Rundweg

Rundweg

Mechanismus: Wanderwege führen über Schafweiden

Mechanismus: Wanderwege führen über Schafweiden

Wikingerrelikt???

Wikingerrelikt???

Echte Ware schmeckt am besten!

Echte Ware schmeckt am besten!

Zum Weinen!

Alkohol ist bekanntlich in Skandinavien teuer. Hohe Steuern und fehlende Weinberge führen wohl dazu, dass man schon mal den doppelten Preis für eine Flasche Wein berappen muss. Also lassen sich die Norweger was einfallen und so gibt es jeden Freitag eine Weinlotterie. Man trifft sich ohnehin jeden Tag in einem schön gestalteten Raum, um gemeinsam am Butterbrot zu knabbern. Einmal wöchentlich spendiert der Staat auch Obst, um Vitamine und Zucker durch die vom Ski-fahren ausgemergelten Sportskörper zu schicken. Es lebe die Volksgesundheit! Aber wir wollten ja was zur Weinlotterie sagen. Die findet also freitags statt und das ist auch der Tag, wenn die Waffeleisen angeschmissen werden (jede Woche ist jemand anderes dran). Sind dann soweit alle da, geht die Geldkiste rum. Ein Los kostet 10 NOK (ca. 1.20 Eur), also nicht die Welt. Die Weinflaschen, meist ein Rot- und ein Weißwein stehen dann schon auf dem Tisch. Die Gewinner der letzten Runde spendieren den Wein für die nächste. Im Ausgleich bekommen sie die Einzahlungen ausgeschüttet. Gesagt getan und prompt gewonnen: eine Flasche Passolo Salento Rosso, Rocca 2013. Schaun wir mal, was diesen Freitag ausgeschüttet wird und ob es den Kauf einer neuen Flasche Wein deckt …

Der Wein kommt übrigens aus Süditalien und ist ein Verschnitt aus den Traubensorten Primitivo und Negroamaro. Während die Primitivo-Traube als Zinfandel in Kalifornien eine weite Verbreitung gefunden hat, ist die Negroamaro-Traube nur in Apulien, dem italiensichen Stiefelabsatz, zu Hause. Im Passolo hat man sie recht harmonisch kombiniert, wobei der Name von „Passola“, der italienischen Bezeichung für überreife Trauben herrührt, aus denen dieser Wein gekeltert wurde. Deutlich zu schmecken sind Aromen von Kirsche und schwarzer Johannisbeere. Fein, fein.

Ein Schlückchen Wein

Ein Schlückchen Wein und schon ist die Perspektive futsch!

 

 

Osterspaziergang von Johann Wolfgang von Goethe

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, …

Durch des Frühlings holden, belebenden Blick,

Im Tale grünet Hoffnungsglück

Im Tale grünet Hoffnungsglück …

Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

ohnmächtige Schauer körnigen Eises (???)

ohnmächtige Schauer körnigen Eises (???)

In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlts im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um von diesen Höhen nach der Stadt zurückzusehen

Kehre dich um von diesen Höhen nach der Stadt zurückzusehen!

Aus dem hohlen finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbes Banden,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,

Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur sieh! wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss, in Breit‘ und Länge,
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und, bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.

Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an.

Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet gross und klein:

Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.